Kapitalismus am Ende- was kommt danach?

Die Tage des Kapitalismus sind gezählt- davon ist der englische Schriftsteller und Aktivist Paul Mason fest überzeugt. In seinem neuen Werk „Postkapitalismus – Grundrisse einer kommenden Ökonomie“ skizziert Mason eine Gesellschaft, die sich auf den Trümmern des Neoliberalismus neu erfindet: getragen von Menschen, die die bereits von Marx verfluchte entfremdete Arbeit hinter sich lassen und die unendlichen Möglichkeiten in der digitalisierten und vernetzten Welt  des 21. Jahrhunderts für sich zu nutzen lernen.

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„Der Kapitalismus ist am Ende. Seine Überwindung wird ähnlich wie das Ende des Feudalismus vor 500 Jahren von einem neuen Menschen gestaltet werden“, sagt er bei seiner Buchvorstellung in Berlin. Dass die finale Phase des Kapitalismus eingeläutet ist, macht Mason an den in immer kürzeren Abständen auftretenden Krisen aus, die mit immer heftigerer Wucht aus ökonomischen Krisen zunehmends auch soziale Krisen machen, dessen Wirkungen nicht so einfach wieder zu revidieren sind. Die verlorene Generation der jungen Menschen in Südeuropa und viele von Armut bedrohte Rentner in Griechenland könnten schon in wenigen Jahren vergessen sein, wenn jede Krise mit ihren reinigenden Effekten die Störfaktoren aus der Marktwirtschaft vertreiben und im Anschluss ein effizienteres System hervorbringen würde. Doch dies ist schon längst nicht mehr der Fall- dort, wo wirtschaftliche Einbrüche früher auf Ineffizienzen aufmerksam gemacht haben, sind viele der heutigen Krisen Produkte reiner Profitgier an den Finanzmärkten: erinnert sei an die Lehman- Brothers Krise, die durch abenteuerliche Kreditverbriefungen und dubiose Finanzprodukte die Aktienmärkte weltweit zum Erschüttern gebracht hat.

Wie kann ein Post-Kapitalismus aussehen?

Seit langem wird bekanntlich darüber diskutiert, wie die Digitalisierung die Arbeitswelt verändert- unter dem Stichwort Industrie 4.0 wird vor allem von den linken Parteien die immer weiter voranschreitende Verdrängung des Menschen aus dem Produktionsprozess beklagt. Vollautomatisierte Maschinen übernehmen längst nicht mehr nur einfache Arbeiten, sondern hochkomplexe Produktionsschritte. Auch in der Wissenschaft ist es ein Phänomen, das seit längerem genauer untersucht wird- mit unterschiedlichen Ergebnissen. Gewerkschaftsnahe Studien betonen unermüdlich, „kein Arbeitsplatz ist vollständig ersetzbar“ – andere fürchten den Abbau tausender Arbeitsplätze und das damit verbundene Abdriften vieler geringqualifizierter Menschen in die Arbeitslosigkeit. Wo genau die Entwicklungen rund um Industrie 4.0 hinführen ist noch nicht absehbar- doch in einem Punkt stimmen alle Beteiligten überein: Es steht ein gewaltiger Strukturwandel bevor.

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Mason ist einer der wenigen Kapitalismuskritiker, die zwar das zerstörerische Potential des aktuellen Krisenkapitalismus beklagen, jedoch gleichzeitig versucht, die offensichtlichen Widersprüche des Systems für eine neue, bessere Gesellschaft zu nutzen. Der herkömmlichen Denkweise: „Wie können wir möglichst viele Arbeitsplätze erhalten?“ laufen Masons radikale Visionen entgegen – ihm schwebt eine Gesellschaft vor, die Maschinen für sich arbeiten lässt und so die maximale Freiheit für den Einzelnen bedeutet. Dieselben innovativen Kräfte, die in unserer heutigen Zeit eine Gesellschaft mit maximaler Ungleichheit geschaffen haben, werden nach seiner Vorstellung zu einer einzigen sozialen Intelligenz gebündelt. Informationen sind im Postkapitalismus für alle und jeden zugänglich- durch genossenschaftlichen Besitz an Produktionsanlagen – ganz im Sinne des Gründers der Sozialdemokratie, Ferdinand Lassalle, der einst staatlich finanzierte Genossenschaften forderte –  werden die ungerechten Macht – und Verteilungsverhältnisse durchbrochen.

An die Stelle von Innovationsdruck und freiem Wettbewerb, die als unerlässliche Heilsbringer in der heutigen Welt gelten, tritt die soziale Intelligenz: ausgerüstet mit den technischen Möglichkeiten des 21. Jahrhunderts können Informations – und Güterströme problemlos koordiniert werden. Seine Visionen erinnern an einen Sozialismus plus: Dort, wo die Planwirtschaft noch an ihren willkürlichen Planzielen scheiterte, besticht die Idee vom Postkapitalismus mit den Potentialen ihrer digitalen Errungenschaften.  Realitäten, die mittlerweile schon zum Alltag geworden sind, wie die lückenlose Erfassung aller Klicks im Internet und die darauf basierende Erstellung von Persönlichkeitsprofilen, die intimste Vorlieben und Konsumwünsche offenbart, werden fortan neu gedacht. Weshalb sollte die Gesellschaft im Postkapitalismus ihre Güter über den Markt und das Spiel von Angebot und Nachfrage steuern lassen, wenn ihr doch eine Technologie zur Verfügung steht, die richtig eingesetzt genau dasselbe leisten könnte, vermutlich sogar noch effizienter? Der Bedarf an Waren und Gütern könnte in einer vernetzten Welt wie der hiesigen in Echtzeit aufgezeichnet werden.

Doch wie kann der Übergang hin zu einem neuen System gelingen? Auch wenn der Krisenmodus in der neueren Zeit zum Dauerzustand geworden ist, wird in der breiten Öffentlichkeit keine ernstzunehmende Alternative zum Kapitalismus diskutiert. Für den Einzelnen ist es rational, mit dem Verkauf der eigenen Arbeitskraft den Lebensunterhalt zu sichern. Gleichzeitig wird so das bestehende System gestützt: Revolutionäre Ideen und Alternativen zum Kapitalismus erscheinen maximal romantisch, sind jedoch in einer Gesellschaft, in der Einkommen an Arbeit gekoppelt ist, auf Ewigkeit dazu verdammt, Utopie zu bleiben. Deshalb besteht Mason auf eine bedingungslose Grundsicherung, die eine Existenzrecht ohne den Zwang zur Arbeit gewährleisten und den nötigen Freiraum zur Ausbildung der sozialen Intelligenz bilden soll. Sharingkonzepte und der Ausbau von Open – Source Projekten vervollständigen das Bild der Gesellschaft im Postkapitalismus.

Im Angesicht der Enthüllungen aus den Panama Papers gewinnt die Vision des Postkapitalismus an neuer Brisanz: sie untermauert die Notwendigkeit einer neuen Grundsatzdebatte über Chancen-  und Verteilungsgerechtigkeit in der modernen Gesellschaft. Die Potentiale des Postkapitalismus stecken noch in den Startlöchern – könnten jedoch ähnlich wie vergangene technische Revolutionen der Beginn von etwas ganz Großem sein.

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Revolution mit einem Lächeln auf dem Gesicht

„Alles in der Menschheitsgeschichte ist entstanden, weil jemand bereit war, sich aufzuopfern“, wirft Nadja Tolokonnikowa in den Saal. Es soll um Revolutionen gehen, an diesem Abend im Maxim Gorki Theater- um schrillen, kreativen und friedvollen Widerstand a lá Pussy Riot. Nach 2 Jahren russischem Straflager, in dem einige ihrer Mitinsassinen an Erschöpfung und Hunger gestorben sind, könnte man an diesem Abend eine verbitterte, desillusionierte junge Frau erwarten, die sich im Kampf gegen die russische Autokratie verhoben hat. Jedoch scheint das Gegenteil der Fall: die heute 26-jährige scheint entschlossen wie nie zuvor, der Weltöffentlichkeit ihren Revolutions-Enthusiasmus näher zu bringen.

Alles begann mit der russischen Präsidentschaftswahl 2012. Tolokonnikowa machte diese Wahl zu ihrer persönlichen Schicksalswahl wie sie in ihrem Buch schreibt: „Diese Wahlen sollen über mein Leben entscheiden“. Die bekennende Feministin und Aktionskünstlerin tritt seit jeher für ein freies und selbstbestimmtes Russland ein und empfindet jegliche staatliche Intervention in das Privatleben als Repression. Insbesondere die russisch-orthodoxe Kirche, die sich selbst als Staatskirche versteht, tritt für ein zutiefst repressiv-konservatives Menschenbild ein: So wird Feminismus als Gift eingestuft, welches das Christentum zerstört und den Männern die Frauen wegnimmt.  Doch welche Formen des Widerstands kann es in einem von Korruption und Autokratie durchtränkten Land geben, in dem jeglicher öffentlicher Widerstand, in Lagerhaft enden kann? Die Sängerin beschreibt die russische Gesellschaft als Gemeinschaft ohne Spielregeln, in der bei Ungehorsam „eine Kugel in die Stirn, ein abgebranntes Auto oder ein gebrochenes Bein“ warten. Dennoch fühlte sich Tolokonnikowa, die ausgerechnet am Tag der Oktoberrevolution geboren wurde, zu Höherem berufen. Sie wollte ihren Überzeugungen und ihrem freien Weltbild Luft machen in einer Gesellschaft, die eingeschüchtert von der omnipräsenten Staatsdoktrin nicht vorbereitet war auf die feministische Punk-Band Pussy Riot.

In dem Keller einer Moskauer Kirche braute sich etwas zusammen, das die russische Gesellschaft später in Atem halten sollte: Eine Mischung aus Punk-Feminismus und Rebellion, gepaart mit provozierenden Texten gegen die großen Player- die orthodoxe Kirche, das autokratische System und die eingeschüchterte Bevölkerung. Anfangs hatte die Gruppe nicht die nötigen Mittel, ihre Botschat hinaus in die russische Öffentlichkeit zu tragen- geleitet von  tollkühnem Idealismus und unermüdlichem Enthusiasmus hat Pussy Riot dennoch einen Weg ins Bewusstsein der Massen gefunden. Mit geborgtem Equipment und Fotografen aus dem Freundeskreis wurden die ersten Auftritte aus dem Stegreif in Eigenorganisation veranstaltet. Sie studierten ein, wie sich innerhalb kürzester Zeit eine Rampe aufbauen lässt, das Equipment an den Strom angeschlossen wird und vor allem: „wie man weitersingt, wenn man von Polizisten an den Füßen hinter sich hergezogen wird“. Maximale Aufmerksamkeit zu erreichen, in den wenigen Minuten bis die Polizei sie mit auf das Revier nehmen würde, war die Devise. In ihrem Buch heißt es: „Suche Liebe auf öffentlichen Plätzen“. Je mehr Menschen sich mit dir verbünden, desto größer ist die Wirkung deiner Botschaft. Manchmal sei es sogar vorgekommen, dass die abgestellten Polizisten mit den Texten der Punk- Gruppe sympathisierten, da „alle genau wissen, dass es so nicht weitergehen kann“. Nach mehreren Kurzauftritten und anschließenden Besuchen in kalten Inhaftierungszellen sollte es am 21.Februar 2012- zwei Monate vor Putins Wahl zum Präsidenten- zum großen Showdown kommen.

„Mutter Gottes, Jungfrau, verjage Putin“ heißt es im Punk-Gebet von Pussy Riot, vorgetragen in der Christ-Erlöser Kathedrale Moskaus. 41 Sekunden dauert das Spektakel: genug, um eine Weltöffentlichkeit zu erreichen- jedoch auch genug, um wegen zahlreichen Verstößen gegen die Rechtsordnung und religiöse Normen in Isolationshaft verbannt zu werden. Im Nachhinein schreibt sie: “ Ich muss meinem Staat dafür danken, ins Gefängnis geworfen worden zu sein. Ich bekam so die Gelegenheit, seine totalitären Züge in voller Härte auskosten zu können“. Aussagen wie diese passen zu einer Nadja Tolokonnikowa, die an diesem Abend bewusst gelassen und spitzzüngig provokant ihre Füße auf dem vor ihr platzierten Tisch ausstreckt, immer wieder mit ihrem Smart-Phone herumspielt und generell alles dafür tut, das Bild der rebellischen Punk-Feministin aufrecht zu erhalten. Diese Fassade kann jedoch nicht über die Repressalien hinwegdeuten, die sie in ihrer Gefangenschaft erleiden musste. Doch selbst stundenlange Zwangsarbeit in Straflagern, in denen die Temperatur bewusst niedrig gehalten wurde, um die Gefangenen zu brechen und fügig zu machen, konnte ihren ureigenen Idealismus nicht brechen: Unzufrieden mit den unerträglichen Verhältnissen in russischer Gefangenschat, der kräftezehrenden Arbeit Tag für Tag und der unzureichenden Verpflegung der Insassen entschied Tolokonnikowa, zweimal in den Hungerstreik zu treten.

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Sie forderte humane Bedingungen in den dunklen Strafbunkern aus Sowjetzeiten und war nicht bereit länger mit anzusehen, wie hunderte HIV- Kranke in ihrer Haftanstalt nicht nur zwölf Stunden täglich Zwangsarbeit verrichten mussten, sondern auch nicht die erforderliche Medikation erhielten. Die Sängerin war sich vollkommen bewusst, welche Möglichkeiten des Aufstands sie im russischen Straflager hatte- in ihrer knappen freien Zeit studierte sie jegliche Gesetzestexte, die für ihren Fall relevant waren. Aus diesem Grund wagte sie auch keinen offenen Aufstand mit verbündeten Mithäftlingen, da in diesem Fall ihr gesamtes Hab und Gut hätte beschlagnahmt werden können. Die Zeit im Straflager, die sie  größtenteils mit dem Nähen von Polizeiuniformen verbrachte, in denen sie heimlich in Primark-Manier kleine Zettelchen mit Aufschriften versteckte, hat Tolokonnikowa nachhaltig geprägt. Ihr ungebrochener Glaube an das Gerechte und Gute sollte sich auszahlen- internationale Größen wie Madonna bekundeten öffentlich ihre Solidarität mit der Pussy-Riot Sängerin. Doch auch in Russland selbst ebbte der revolutionäre Geist des Punk-Gebets nicht vollkommen ab: der bekannte Aktionskünstler Pjotr Pawlenski machte mit schockierenden Performances auf sich aufmerksam. Aus Protest gegen die Inhaftierung der Pussy-Riot Mitglieder nähte er sich zunächst den Mund zu, wickelte sich später vor einem Regierungsgebäude nackt in Stacheldraht ein und zündete die Eingangstür des russischen Geheimdienstes an. Es sind Protestaktionen wie diese, die der gefühlten Ohnmacht der russischen Gesellschaft eine Stimme geben.

Mit ihrer Anleitung zur Revolution ist jedoch kein weiteres Kampfpamphlet entstanden, sondern es finden sich des Öfteren Passagen wie „Vergiss nicht, deinen Feinden zu danken“ in ihrer Schrift wieder. Aus Zeilen wie dieser spricht ihr Glaube an die Kraft der intellektuellen Überlegenheit genauso wie das Bewusstsein, dass Gewalt in einem System der staatlichen Repression nicht zum gewünschten Wandel führen kann. In ihrem neuen Projekt „Zone des Rechts“ setzt sich die Sängerin für verbesserte Haftbedingungen in Russland ein mit dem Ziel, „das bestehende, ausbeuterische Gefängnissystem in Russland zu zerschlagen“. Auf die Frage, welche Alternativen es denn zu Putin gäbe, senkt sich der Blick von Tolokonnikowa. Das Problem sei nicht nur Putin, sondern der ganze Staatsapparat: vom menschenunwürdigen Gefängnissystem über korrupte Verwaltungen bis hin zu Regierungsbeamten. Es ist das erste Mal an diesem Abend, dass die gefühlte Leichtigkeit ihrer Protestkultur, sowie das romantisierte und deshalb so attraktive Bild von der Revolution von den primitiven Wirklichkeiten in Russland eingeholt wird.

 

 

 

 

Lebt der Geist der Französischen Revolution weiter?

Liberte‘, Egalite‘, Fraternite‘ – was ist aus den Idealen der Französischen Revolution geworden? George Danton, einer der vormals einflussreichsten französischen Revolutionäre neben Maximilien Robespierre, hat kurz nach seinem Todesurteil durch das Revolutionstribunal die Hoffnung gehabt, die Welt möge die wahren Errungenschaften der von ihm mit ins Leben gerufenen Bewegung niemals vergessen und sie fest in ihren Verfassungen verankern. Immerhin waren diese Ideale- Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit stark genug, eine ganze Nation in Aufruhr zu versetzen und tausende Menschen dafür zu gewinnen, ihr Leben für die Durchsetzung ihrer Interessen zu opfern. Niemals sollte der Geist, der Spirit der Revolution vergessen werden. Was ist im 21.Jahrhundert von dem Geist der Französischen Revolution geblieben?

Die Bürger sind für Freiheit, für Unabhängigkeit vom Adel und Klerus auf die Straße gegangen, haben das Ende von Privilegien für diese Klassen und ein gewisses Maß an Gleichheit in ihrer Gesellschaft gefordert. Die Ständegesellschaft scheint heutzutage überwunden, formal leben die Menschen in den westlichen Gesellschaften in einer Demokratie, die gleiche Rechte und Teilnahme für alle verspricht. Doch wie sieht es in der Realität aus? 

 
Was ist aus den Idealen der Revolution geworden?

Die vormaligen Standesklassen Adel, Klerus und Bürgertum scheinen abgelöst von der Einteilung in Superreiche, den Mittelstand und die von Armut bedrohten Menschen. Früher wurde diese Organisation der Gesellschaft, oder weniger euphemistisch ausgedrückt, diese organisierte Unterdrückung bestimmter Gruppen durch die Stände direkt ausgeübt. Der Ausdruck des Ungehorsams und die Ablehnung der vorherrschenden Verhältnisse bekamen ein Gesicht: Das Gesicht von König Ludwig XVI. Er wurde persönlich verantwortlich gemacht für die Missstände in der Gesellschaft, für die Ungerechtigkeiten, die dem Großteil der Bevölkerung wiederfahren sind. Der Adel wurde zunehmend zur Verkörperung des Bösen, zur Wurzel allen Unheils. Dieses bildliche, greifbare Feindbild ist für eine Massenbewegung wie der Französischen Revolution eine Grundvoraussetzung. 

Gesellschaftlicher Unmut braucht eine Projektionsfläche, auf der er sich entladen kann. Gemeinsam konnte auf die Beseitigung dieses offenbaren Missstandes hingearbeitet werden: Gemeinsam gegen König Ludwig, gemeinsam gegen die Privilegien des Adels. Im 21. Jahrhundert gibt es diese greifbare Projektionsfläche nicht mehr. Die gesellschaftliche Organisation wird nicht mehr direkt durch eine Personengruppe durchgesetzt, sondern vielmehr durch das System an sich gesichert. Der Feind des heutigen Klassenkampfes- soweit er überhaupt noch existiert- ist kein bildlich fassbarer Gegner mehr.  Der Gegner ist abstrakt geworden- es ist der Kapitalismus, der für die Ständegesellschaft im 21.Jahrhundert sorgt- nur dass diese nicht mehr Adel, Klerus und Bürgertum, sondern „Superreich“ und „von Armut bedroht“ heißt.
Die Französische Revolution hat sich im Laufe der Zeit zu einer Terrorherrschaft entwickelt, die aus ehemaligen Visionären mit dem Traum der gerechten Gesellschaft paranoide Diktatoren gemacht hat. Jedoch wäre es ein fataler Trugschluss anzunehmen, jede Revolution ende in einem unkontrollierbaren Disaster wie die unter der Führung von Robespierre. Selbst dieser hat noch in den Anfängen der Revolution zu bedenken gegeben, dass „kein Mensch die bewaffneten Missionare liebt“. Mit dem wachsenden Einfluss und der Macht der Jakobiner im späteren Verlauf der Revolution hat sich gleichzeitig ein realitätsferner Wahn bei ihnen ausgebildet, der die an sich erstrebenswerten Ziele der Revolution in den Schatten gestellt haben. Unvergessen sind Sätze von Robespierre wie „Die Tugend muss sich den Terror zu ihrem Komplizen machen, wenn die Menschen sich von ihr leiten lassen sollen“. Dass dieser Terror für viele Menschen mit dem Gang zur Guillotine endete, ist allgemein bekannt. 
Jedoch lässt sich der Grund für diese Entwicklung eher in der Machtkonzentration auf einen kleinen Personenkreis finden, der unkontrolliert seine Herrschaft und Vorstellung von Tugend durchsetzen konnte. Nicht die Verfolgung der Ideale von Gleichheit und Gerechtigkeit an sich führen zwangsläufig zu einem unterdrückerischen Regime, sondern die Konzentration von Macht in den Händen weniger. Die Zukunft bleibt uns bislang eine Antwort schuldig, wohin eine Revolution, die die Ideale der Französischen Revolution verfolgt und gleichzeitig die Prinzipien des Rechtsstaates akzeptiert, führen kann.
Sichtbare Anzeichen für die Notwendigkeit einer solchen Entwicklung gibt es reichlich. Die Schere zwischen Arm und Reich wächst nicht nur in den einzelnen Staaten Europas stetig weiter an. In Zeiten der internationalen Vernetzung, ergibt sich die Notwendigkeit einer globalen Betrachtungsweise. Aus diesem Blickwinkel erscheint die Spanne zwischen Arm und Reich noch größer, wenn man bedenkt, dass noch immer Menschen an Armut und Hunger sterben.
Unterschiedliche Reichtumsverhältnisse- insbesondere wenn sie stark ausgeprägt sind- bringen zwangsläufig eine Verschiebung von Macht- und Einflussverhältnissen in der Gesellschaft mit sich. Es ist kaum zu bestreiten, dass die Familien Klatten und Quandt mit ihren Großspenden an die Parteien einen erheblich größeren Einfluss auf politische Entscheidungsprozesse haben als herkömmliche Arbeiterfamilien. Organisationen wie Lobbycontrol berichten stetig vom wachsenden Einfluss einzelner Interessengruppen. Das gesellschaftliche Geschehen wird im Hintergrund noch immer von einer Minderheit gelenkt. 
Die einzigen Fortschritte im Vergleich mit dem Ständesystem aus dem 18.Jahrhundert ist die gewachsene Transparenz. Jeder Bürger hat Zugriff auf die Informationen über die Parteienfinanzierung. Doch was nützen diese Instrumente, wenn sie kein gesellschaftliches Bewusstsein für eine Schieflage in der Gesellschaft erzeugen? Vieles wird von der Gesellschaft wahrgenommen, macht sie jedoch nicht betroffen. Individuelle Betroffenheit ist jedoch eine Grundvoraussetzung, sich für eine bestimmte Sache einzusetzen und für einen Wandel einzutreten. Eine zunehmende Verwissenschaftlichung der öffentlichen Debatte gibt einer Mehrheit das Gefühl, vom Diskurs ausgeschlossen zu sein. Experten geben die Richtung vor, Handlungsalternativen werden nicht zur Abstimmung gestellt. Politik bleibt exklusives Recht der Befähigten, eine Parallele zu früheren Systemen der Aristokratie ( der Herrschaft der Besten) oder der heute zutreffenderen Technokratie scheint unübersehbar.
Ist es das Abbild der Gesellschaft, für die die französischen Revolutionäre eingetreten sind? Die aktuellen Entwicklungen deuten eher daraufhin, dass sich die moderne Gesellschaft von den Idealen der Brüderlichkeit und Gleichheit immer weiter entfernt. Stattdessen werden diese Ideale abgelöst durch Individualisierung und Ungleichheit. Dennoch lassen sich Anzeichen für Gemeinsamkeiten mit der Französischen Revolution finden. Die jüngsten Entwicklungen in Griechenland und Spanien haben gezeigt, dass die Gesellschaft nur ein bestimmtes Maß an Ungleichheit zu akzeptieren bereit ist. Kombiniert mit der Personifizierung des Unmuts in dem Expertengremium der Troika, wurde ein Schuldiger für die Missstände ausgemacht. Das erste Mal seit Jahren in der europäischen Geschichte hat sich wieder eine gesellschaftliche Bewegung formiert, die sich als Klasse im Kampf gegen eine Elite versteht. Eine Klasse, die durch das Band der Verzweiflung zusammengehalten wird und für einen gemeinsamen Zweck einsteht; die Ablösung des korrupten Regimes und das Ende der fremdbestimmten Politik der Troika. 
Der Geist der Revolution scheint also noch immer weiterzuleben, nur wird er verdeckt von den vorherrschenden gesellschaftlichen Verhältnissen. Nur wenn ein Abrutschen ins Extreme- extreme Armut, Ungleichheit oder persönliche Not- bevorsteht, kommt er wieder zum Vorschein. Die moderne Gesellschaft sollte es nicht erst immer zu Krisen und zum Abdriften ins Extreme kommen lassen, um zu überprüfen, welche Errungenschaften und Fortschritte die Moderne bisher tatsächlich gebracht hat. Es bedarf nur des Gebrauchs des eigenen Verstands und dem Einsatz der Vernunft um zu erkennen, dass in puncto Gleichheit in der Gesellschaft noch enormer Nachholbedarf besteht.

Die Achillesferse der Demokratie

In Frankreich wird der rechtsnationale Front National mit knapp 28% der Wählerstimmen stärkste Kraft bei den jüngsten Regionalwahlen. „Le Choc“ titeln die französischen Boulevardblätter- und können „den Schock“ selbst noch nicht begreifen. Für die Präsidentschaftswahlen 2017 wird Marie Le Pen bereits die Favoritenrolle zugeschrieben, ein Szenario, das vor wenigen Jahren noch undenkbar gewesen wäre. Auch wenn der Zulauf zu den neurechten Parteien in Europa nicht abzustreiten ist, ein wesentlicher Fakt spielt dieser Entwicklung verstärkend in die Karten: Die Wahlbeteiligung nimmt kontinuierlich ab und lässt somit die Wahlergebnisse der rechten Parteien nicht nur absolut, sondern auch relativ steigen.

Jeder moderate Nichtwähler verhilft mit seiner Politikverdrossenheit den radikalen Parteien dazu, sich als „Stimme des Volkes“ oder „Partei der schweigenden Mehrheit“ zu inszenieren. Eine genauere Betrachtung dieses Phänomens legt nahe, dass es nicht die herausragenden Positionen dieser Parteien sind, die ihnen zu den jüngsten Wahlerfolgen verhelfen. Sondern dass es vielmehr die Unzufriedenheit mit den etablierten Parteien- den „Konsensparteien“- ist, die sich in den wesentlichen Programmpunkten nicht mehr unterscheiden und die Enttäuschung von einer Demokratie, in der gefühlt die Macht schon längst nicht mehr vom Willen des Volkes ausgeht. Es hat sich eine Politik der Alternativlosigkeit entwickelt, die sich ständig im Krisenmodus befindet und nur noch reagiert, statt selbstbestimmt zu agieren.

 

„Alle Macht geht vom Volke aus“

Besonders die Euro-Krisenländer bekamen dies zu spüren: Die von der Troika verordneten Spardiktate wurden dem Volk von den Regierungschefs oftmals widerwillig, aber dennoch stets als Notwendigkeit präsentiert und nolens volens durchgepeitscht. Dies ist ein Beispiel von vielen aus den vergangenen Jahren, doch das Muster der Entscheidungsprozesse war stets dasselbe- diskutiert wurden lediglich technische Fragen, die zusätzlich mit einer Komplexität aufgeblasen worden sind, sodass öffentliche Debatten darüber meistens zu kurz gekommen sind. Diese politische Vorgehensweise verschleiert jedoch den Blick auf die grundlegenden Fragen, auf Grundsatzentscheidungen, die der Wahlbevölkerung verwehrt worden sind.

Der Philosoph Jürgen Habermas hat dieses Phänomen ebenfalls als Ursache für die sinkende Wahlbeteiligung identifiziert und spricht von der „Entpolitisierung des Volkes“. Das strikte Denken in den Grenzen des Systems und der Glaube an die Richtigkeit an den Verhältnissen, in denen wir in der heutigen Zeit leben, verwehren den Blick auf ganz wesentliche Fragen des Zusammenlebens. Wollen wir eine Politik betreiben, die auf stetiges Wirtschaftswachstum ausgerichtet ist? Sollen Einsparungen in den Sozialausgaben die Staatsverschuldung eindämmen? Dies sind Diskussionspunkte, über die sich jedes Mitglied einer Gesellschaft eine Meinung bilden kann und aktiv am Entscheidungsfindungsprozess teilnehmen könnte. Stattdessen werden, um bei dem Beispiel der Troika zu bleiben, „Experten“ in das Land gerufen, die mit ihren Vorgaben über das Wohl und Wehe der Menschen entscheiden. Doch Fremdbestimmung und Alternativlosigkeit bilden die Achillesferse einer jeden Demokratie- und setzen sie über kurz oder lang aufs Spiel.

Eine funktionierende Demokratie besteht aus lebhaften Debatten, ernstzunehmenden Handlungsalternativen und schließlich der Abwägung der besseren Argumente. Doch an diesen Elementen mangelt es der heutigen Demokratie und führt zum Aufschwung von Parteien, die nicht auf den Konsenszug der Altparteien aufspringen und vorgeben, Alternativen zu bieten. Diese bieten sie oftmals tatsächlich- nur mit verheerenden Ausmaßen. Sie bieten die Rückkehr zu nationalen Egoismen, die Wiederbelebung längst vergessener Ressentiments und vor allem eines: Das Gefühl, wieder etwas verändern zu können. Das Modell der alternativlosen Demokratie der vergangenen Jahre ist überholt und bedarf einer dringenden Erneuerung. Doch diese Erneuerung muss, um eine wirkliche Veränderung hervorzubringen, außerhalb der bestehenden Grenzen gedacht werden.

Habermas regt an, dass sich die Gesellschaft in Anbetracht des heutigen Standes der Technik und den nahezu unbegrenzten Möglichkeiten im Internetzeitalter die Frage stellen sollte, ob die bislang verfolgten Ziele wie stetiges Wirtschaftswachstum und der künstlich hergestellte Wettbewerb in der Produktion noch zeitgemäß sind. Die Fixierung auf solche Glaubenssätze sind es nämlich, welche die Achillesferse der heutigen Demokratie bilden und die Politik in die Alternativlosigkeit führt. Solange an die Richtigkeit und Unveränderlichkeit des Systems geglaubt wird, bleibt auch die politische Alternativlosigkeit bestehen und droht die Demokratie nachhaltig aufs Spiel zu setzen.

 

Warum uns die Flüchtlingskrise wirklich spaltet

Die Quelle von Hass und Neid

 

„Ich glaube nicht, dass die Menschen uns Flüchtlinge wirklich hassen. Sie sind unzufrieden mit der momentanen Lage“. Dieser Satz von Mosaab, dem Flüchtlingsjungen, dessen Geschichte ich im Artikel „Flüchtling für einen Moment“ vor wenigen Wochen veröffentlicht habe, beschreibt die Hintergründe der aktuell angespannten Situation mit wenigen Worten. Der Rechtsruck, den die Gesellschaft momentan erfährt, die abscheulichen Meldungen über den Hass, den einige Flüchtlinge hier erfahren und die unbeholfenen Versuche der Politiker, die Lage irgendwie in den Griff zu bekommen sind nur die Symptome eines viel tiefer in der Gesellschaft verwurzelten Problems: Die eigentliche Ursache liegt in ihr selbst, in ihrer Festlegung auf ihren individualistischen Charakter, in ihrer Verdrängung der Gemeinschaft aus dem öffentlichen Raum und der uneingeschränkten Fokussierung auf den sich selbst verwirklichenden Menschen. Gesellschaft wird nicht aus der in ihr lebenden Menschen, sondern von den äußeren Verhältnissen geformt. Diese werden in der heutigen Zeit bestimmt durch den Kapitalismus, ein System, das von rationalen, individuellen Einzelkämpfern genauso lebt wie von der Ausbeutung des Schwächeren, um dem Stärkeren Reichtum zu bescheren. Ein System, das unsere Gesellschaft in den vergangenen Jahren maßgeblich geprägt hat.

 

Kapitalismus, die Herrschaft des Kapitals über Arbeit und Boden, hat 75% des Gesamtvermögens in Europa in den Besitz der reichsten 10% der Bevölkerung verteilt. Kapitalismus, das Streben nach unendlicher Kapitalvermehrung und Gewinnmaximierung, hat den Markt- und somit den Wettbewerb- als zentrales Verteilungsmedium festgelegt und als gesellschaftliche Norm etabliert. In der Gesellschaft haben „Leistungsprinzip“ und „Eigenverantwortung“ zu einer Ellenbogenmentalität nicht nur im Arbeitsalltag, sondern auch in den zwischenmenschlichen Beziehungen geführt; kurz: Der Kapitalismus ist nicht nur ein Wirtschafts- sondern auch ein Gesellschaftssystem. Doch im Angesicht der großen Anzahl der nach Europa drängenden Flüchtlinge werden diese über Jahrzehnte etablierten Verhaltensweisen auf den Kopf gestellt.

Humanitäre Hilfe von den vielen Freiwilligen in Deutschland

Eigentumswohnungen werden beschlagnahmt, um Notunterkünfte einzurichten. Freiwillige Helfer investieren ihre Zeit, um sich um die Flüchtlinge zu kümmern. Viele Menschen spenden Nahrung und Kleidung für die Geflüchteten- es entsteht eine Willkommenskultur, die nicht mit Geld oder Rendite vergütet wird, sondern mit Gemeinschaftsgefühl und Solidarität. Es erwächst im Innern unserer Gesellschaft eine Bewegung, deren Wertschöpfung nicht mit Geld gemessen werden kann. Es ist im Kleinen der Prototyp einer Gesellschaft, die auf gänzlich anderen Werten basiert als die vorherrschende: Auf Solidarität, statt auf Ausbeutung. Auf Kooperation, statt Wettbewerb. Und auf Gemeinschaft, statt auf Individuen. Lässt sich dieses Modell auch für die gesamte Gesellschaft denken? Ist es vielleicht gar an der Zeit, grundlegende Konventionen wie Privateigentum, lohnabhängige Beschäftigung und den fortwährenden Trend der Privatisierung von Produktion zu hinterfragen? Übervorteilt dieses System die Privilegierten und setzt Rahmenbedingungen, die den Großteil der Bevölkerung bewusst vom Aufbau von Vermögen ausschließt und so die Diskrepanz zwischen Arm und Reich weiter wachsen lässt?

Wenn man den Ausführungen von Thomas Piketty im Kapital des 21.Jahrhunderts Glauben schenkt, ist es genau diese soziale Ungleichheit, die den Kapitalismus in seinen Fragmenten innerlich aufzehrt. Bereits Karl Marx hat in seiner Abhandlung des Kapitals thematisiert, dass die Gesellschaft die Produktionsbedingungen des Kapitalismus als Naturgesetz hinnimmt und die Möglichkeit, dass andere Systeme möglich sind, nicht wahrnimmt. Als „Warenfetischismus“ bezeichnet er die naive Auffassung, dass alle produzierten Güter zwangsläufig zur Ware gemacht und mit einem Preis etikettiert werden.

 

An der Schnittstelle zur Utopie

 

Dieses verengte Blickfeld auf die gesellschaftlichen Verhältnisse wird durch die neoliberale Ideologie verstärkt- sie impliziert, dass jegliche Verteilungs- und Produktionsangelegenheiten auf rein „technischer“ Ebene zu betrachten sind und „Naturgesetzen“ folgen. Doch ein System, das durch individuelle Gier und Ehrgeiz motiviert ist, muss zwangsläufig zu einer Aufteilung der Gesellschaft in mindestens zwei Klassen führen: die der Ausgebeuteten, und die der Privilegierten.  Da dieses „liberale“ System auf dem Leistungsprinzip basiert und in der Theorie jedes Individuum mit seinen Entscheidungen sein eigenes Schicksal bestimmt, impliziert es den Verlierern dieser Gesellschaft ihr individuelles Versagen und lässt keinen Zweifel daran aufkommen, dass nicht dieses Gesellschaftssystem Verlierer und Gewinner produziert, sondern dies allein durch die handelnden Akteure selbst verursacht wird.
Durch diese verzehrte Wahrnehmung wird verschleiert, dass die Zwiespaltung der Gesellschaft –in die Klasse der Besitzenden und der Besitzlosen- eine Grundvoraussetzung für den Kapitalismus ist. Häufig wird von den Befürwortern dieses Systems argumentiert, dass die Haupterrungenschaft maximale individuelle Freiheit sei. In der Tat sind die Menschen der heutigen Zeit individuell frei- jedoch auch frei von jeglichen Produktionsmitteln, was im Umkehrschluss den Zwang mit sich bringt, die eigene Arbeitskraft zum Markte zu tragen, um sich ein Existenzrecht in dieser Gesellschaft zu erwirtschaften. Ist die heutige Gesellschaft also gar nicht so frei, wie sie von sich behauptet? Wie frei kann eine Gesellschaft sein, wenn sie diesen neoliberalen Schleier der gesellschaftlichen Naturgesetze abwirft?

 

Dieses Mär der individuellen Verantwortung für die eigene Situation kombiniert mit der theoretischen Legitimierung dieser Prozesse durch „Naturgesetze“ führt dazu, dass die erzeugte gesellschaftliche Ungleichheit toleriert und der Blick auf ein Zusammenleben jenseits des Individualismus verwehrt wird. Darüber hinaus führt die Tatsache, dass die überwältigende Mehrheit der Bevölkerung aus lohnabhängiger Beschäftigung ihren Lebensunterhalt bezieht dazu, dass den Betroffenen aufgrund von Zeitmangel jegliches Bewusstsein dafür fehlt, dass sich ihre Klasse in der Mehrheit und die der Privilegierten in der Minderheit befindet. Von diesem Standpunkt aus wären Utopien, die den status quo kritisch hinterfragen, mehrheitsfähig. So verheerend wie die aktuelle Flüchtlingskrise für die einzelnen Menschen sein mag- sie bietet das Potential für die Gesellschaft, ihre festgefahrenen Werte und Normen zu reflektieren und die grundlegenden Fragestellungen des Zusammenlebens neu auszuloten.

Es ist an der Zeit, in einem breiten Diskussionsforum neue Formen des Zusammenlebens als Alternativen zum Kapitalismus zu diskutieren, der uns in immer kürzeren Zeitabständen neue Argumente für den notwendigen Wandel liefert. Eine Utopie bleibt für die Ewigkeit nur eine Utopie, so lange eine Gesellschaft nicht den Mut zur Veränderung aufbringt und aus dem theoretischen Gedankenkonstrukt einen Prozess anstößt, der nach und nach aus der Utopie Realität werden lässt, denn: „Die Philosophen haben die Welt nur verschieden interpretiert, es kommt aber darauf an, sie zu verändern“ , wie Karl Marx in seinen Thesen über Feuerbach postuliert hat. Die Philosophie kann Utopien und Gedankenexperimente kreiren, die dem gesellschaftlichen status quo kritisch gegenüberstehen und neue Denkweisen eröffnen, die ein neues Ziel verfolgen: Weg von der Fixierung auf das Kapital und hin zu einer Gesellschaft, in der die Menschen wieder im Zentrum des Handelns stehen.

 

Donald Trump: Wie Rhetorik Argumente schlägt

Sapere aude!

 

„Habe Mut, dich deines eigenen Verstandes zu bedienen!“ ist eine Aufforderung, die ins Mark geht. Sie klingt simpel, und kann doch alles in Frage stellen. Sie entfaltet erst nach dem zweiten oder dritten Mal lesen ihre volle Wirkung und Tragweite.
Weshalb sollte dieses alte Zitat von Immanuel Kant heute noch Bedeutung haben?
Die jüngste Erfahrung zeigt, dass  Selbstinszinierer großen Zuspruch erfahren, die scheinbar einfache Lösungen für komplexe Sachverhalte anbieten. Frei nach dem Motto: Je lauter und entschlossener gegen „die da oben“ gewettert wird, desto besser.

Zum anderen kristallisiert sich in der politischen Diskussion immer mehr die Bestrebung heraus, auf die Gefühlsebene zu wechseln. Zuschauer werden emotionalisiert, statt mit den besseren Sachargumenten überzeugt. Donald Trump hat diese Strategie in seinem aktuellen Wahlkampf perfektioniert. Die Terroranschläge von Paris instrumentalisiert er für seine politischen Absichten, die Waffengesetze in den USA zu lockern. Einer begeisterten Masse ruft er zu: „Niemand hatte Waffen, und sie (die Terroristen, Anm.d.Autors)  haben einfach einen nach dem anderen erschossen!“ Nach Trumps Logik wäre solch ein Anschlag in Amerika nicht denkbar gewesen, weil die Attentäter in sekundenschnelle niedergestreckt worden wären. Diese Art der Argumentation wird besonders häufig von Politikern genutzt: Es wird ein wahre Aussage getroffen (die Opfer trugen tatsächlich keine Waffen bei sich) und mit einem bildlichen Gleichnis verknüpft, das sich unausgesprochen in den Köpfen der Zuhörer bildet (Wenn die Opfer Waffen getragen hätten, wäre es nicht so weit gekommen).

Donald Trump bei einem Wahlkampfauftritt

Dieser rhetorische Kniff, den für sich allein stehend überflüssigen Satz „Niemand hatte Waffen“ der eigentlichen Aussage voranzustellen, erzeugt ganz automatisch ein Folgebild in den Köpfen der Zuhörer. Doch dieses Folgebild ist meistens irrational wie in unserem Fall, denn natürlich haben die Gäste aus der Konzerthalle auf dem Bataclan keine Waffen bei sich getragen, da das Mitführen von Waffen zu Konzerten glücklicherweise untersagt ist. Selbst Donald Trump wird wissen, dass sein vorangestellter Satz keinen Mehrwert liefert und einzig und allein dazu gedacht ist, die Denkweise der Zuhörer in eine ganz bestimmte Richtung zu lenken. Diese „rhetorische Finte“, die auffällig oft in Reden oder Fernsehansprachen von Politikern genutzt wird, funktioniert nur, wenn den Zuhörern nicht genügend Zeit gelassen wird, das Gesagte auf der Stelle zu verarbeiten und zu reflektieren.

Trump ist dies durchaus bewusst, denn er schiebt dem Gesagten direkt eine Forderung nach laxeren Waffengesetzen in den USA hinterher. Offenbar erreicht Trump mit dieser geschickten Beeinflussung sein Ziel: seine Zuhörer jubeln ihm zu. Es ist ihm gelungen, bei den Zuhörern das Bild „In Paris starben 132 Menschen, weil sie keine Waffen bei sich hatten, deshalb benötigen wir dringend laxere Waffengesetze in den USA“ zu etablieren. Dass die Anzahl von Todesopfern aufgrund von Schießereien vermutlich gar ansteigt, wenn mehr Waffen im Umlauf sind, scheint den Zuhörern samt Donald Trump nicht in den Sinn zu kommen. Bei ihnen hat sich das Gleichnis „In Paris gab es Tote, deshalb brauchen wir zum Schutz Waffen“ etabliert. Hat sich ein Gleichnis wie dieses erst einmal etabliert, ist es nur schwer möglich, dieses selbst mit den besseren Argumenten zu widerlegen.

Bedienen wir uns nun- wie von Immanuel Kant gefordert -unserem eigenen Verstand, so müssten wir schnell einsehen, dass diese Art von Inszenierung und Rhetorik ausschließlich darauf aus ist, gesellschaftliche Klischees zu erwecken und ein bestimmtes Meinungsbild zu etablieren.

Der Einsatz von Autoritäten

Man mag von Donald Trump halten was man möchte- als offizieller Bewerber für die Präsidentschaftskandidatur der Republikaner hat er als Redner gegenüber seiner Zuhörerschaft automatisch eine Autorität, die ihm eine gewisse Glaubwürdigkeit verschafft. Egal wie abstrakt oder verworren einige Äußerungen von Trump auch klingen mögen, aus einem rhetorischen Blickwinkel verschafft ihm allein die Tatsache, Präsidentschaftskandidat zu sein, die nötige Autorität, Gehör zu finden. Eine Autorität, die selbst die Frage nach seinen politischen Fähigkeiten oder  inhaltlicher Sachkenntnis in den Hintergrund stellt, die aufgrund seiner Vergangenheit als Immobilien-Mogul durchaus in Frage gestellt werden könnte. Trump ist bisher nicht auf der politischen Bühne in Erscheinung getreten, weshalb sollte er plötzlich die außerordentlichen Fähigkeiten besitzen, eine Weltmacht wie Amerika zu regieren? Doch bis vor Kurzem führte er noch die Umfragewerte der republikanischen Präsidentschaftsbewerber an.

Mit rationalen Überlegungen lässt sich nicht erklären, weshalb so viele US-Bürger ihm diese Aufgabe zutrauen. An dieser Stelle lohnt sich ein kleiner Ausflug in die Philosophie um zu verstehen, weshalb Entertainer wie Donald Trump trotz ihrem offenbaren Mangel an Sachkenntnis so viel Gehör in der Öffentlichkeit finden. Arthur Schopenhauer hat durchaus Recht, wenn er schreibt: „Jeder will lieber glauben als urteilen. Man hat also leichtes Spiel, wenn man eine Autorität hat, die der andere akzeptiert.“ Mit seiner Inszenierung als geschäftstüchtiger Milliardär hat sich Trump also eine Autorität geschaffen, die viele Menschen anerkennen und deshalb auch seiner Argumentation folgen. Die Argumente an sich müssen nicht mehr die schlagfertigsten sein, denn ist eine Autorität erst einmal etabliert, so glauben die Zuhörer das Gesagte lieber, als es selbst noch einmal zu reflektieren. Dies ist ein selbstverstärkender Prozess- Schopenhauer betont, dass eine Aussage, die als allgemein angenommen gilt, sehr schnell zur akzeptierten Wahrheit wird.

Dies bedeutet, je mehr Menschen den Ausführungen von Trump Recht geben (auch ohne selbst darüber nachgedacht zu haben), desto wahrscheinlicher wird es, dass auch andere Menschen diese Meinungen annehmen. Denn was viele für „bare Münze“ nehmen, wird schon seine Richtigkeit haben, schreibt Schopenhauer spöttisch. Was hier am Beispiel von Trump im Kleinen skizziert wird, lässt sich einfach auf viele öffentliche Meinungsbildungsprozesse anwenden. Die unterste aller Autoritäten, wenngleich sie auch die am Häufigsten angewendete ist, wird durch den Verweis auf die allgemeine Meinung vorgegeben: „Was vielen richtig scheint, sagen wir, ist wahr“ (Aristoteles, Nikomachische Ethik). Doch sollte der selbstdenkende Mensch vorsichtig sein, sobald er auf den Gebrauch von Autoritäten als Argument stößt, denn diese allein bieten noch keinen Hinweis darauf, ob die eigentliche Aussage wahr oder falsch ist. Zusammenfassend lässt sich mit Schopenhauer sagen: „Die allgemeine Meinung ist, im Ernst gesprochen, kein Beweis, ja nicht einmal ein Wahrscheinlichkeitsgrund ihrer Richtigkeit!“

Flüchtling für einen Moment

Ich treffe Mosaab in einem kleinen Cafe in der Nähe von Rotterdam. Doch wie beginnt man ein Gespräch mit einem jungen Mann, der vor wenigen Tagen noch vor Krieg und Terror geflohen ist? Geboren und aufgewachsen in der syrischen Kleinstadt Banias, lebt Mosaab das Leben eines ganz normalen Jungen, der von seiner Familie eine behütete Kindheit geschenkt bekommt. Als Heranwachsender entscheidet er sich, gemeinsam mit seiner Familie in die Hauptstadt, nach Aleppo zu ziehen und dort sein Englischstudium zu beginnen. In Aleppo trifft er auch seine Verlobte, gemeinsam werden Pläne für die Zukunft geschmieden. Doch im Frühjahr 2011 sollte sich alles verändern. 

Beginn einer Revolution

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„Alles begann mit einer ganz normalen Bürgerdemonstration in Darayya“, erinnert sich Mosaab. Die Demonstrationen schwappen über auf andere Städte, plötzlich liegt ein revolutionärer Geist in der Luft und mobilisiert mehr und mehr Syrer, für ihre Bürgerrechte und für Demokratie auf die Straße zu gehen. „Ich fand die Idee einer Revolution, ausgehend von dem syrischen Volk, überaus spannend“, beschreibt Mosaab seine ersten Eindrücke der aufkeimenden Revolution. Präsident Assad habe die Bevölkerung jahrelang unterdrückt, ihnen keinerlei Mitbestimmungsrechte eingeräumt. „Wir haben nicht einmal daran gedacht, Assad öffentlich zu kritisieren. Alle waren korrupt“. Die weit verbreitete Ehrfurcht vor staatlicher Willkür hat die Menschen bis dato davon abgehalten, öffentliche Debatten über das gesellschaftliche Zusammenleben zu führen, oder gar Kritik am autoritären Führungsstil von Baschar Al-Assad vorzubringen. Doch mit zunehmender Kriminalität und Korruption, sowie dem allgemeinen Gefühl der Unsicherheit stieg die Bereitschaft, etwas verändern zu wollen. Die Toleranzgrenze der Bevölkerung war überschritten, als „Staatsbedienstete sich einfach an unseren Ersparnissen bedienten“ und es keinerlei Möglichkeiten gab, sich dagegen zu wehren. „Wir spürten, dass wir am großen Rad drehen müssen, dass wir die Revolution brauchen, wenn sich wirklich etwas verändern sollte“.

Doch es blieb nicht bei den friedlichen Versammlungen. Aus den anfangs kleinen Demonstrationen wurden Massenproteste, aus der Regimekritik wurde die Forderung, Assad zu stürzen. „Es war ein fließender Übergang von den Demonstrationen zum Bürgerkrieg“. Plötzlich fing die staatliche Armee an, auf die Demonstranten zu schießen. Es gab die ersten Toten. Später befanden sich Unbeteiligte, Menschen aus der Zivilbevölkerung unter den Opfern. „Die Armee fing an, wahllos in die Menschenmassen zu schießen, Frauen, Kinder, auf alle.“ Mosaabs Eltern beschließen, dass sie und ihre drei kleinen Söhne nicht mehr länger sicher in Aleppo sind und verlassen die Hauptstadt in Richtung Banias. Doch Mosaab will sich vom ausbrechenden Bürgerkrieg nicht einschüchtern lassen und sein Studium in Aleppo fortsetzen. „Am Anfang hatte ich keine Angst“, doch die Ausschreitungen wurden heftiger. „Sie fingen an, massenhaft Menschen festzunehmen und zu verschleppen.

Der kleinste Verdacht hat ausgereicht, um in ihr Visier zu geraten“. Die Zahl der Toten stieg täglich, genau wie die Frustration vieler Soldaten, auf ihre eigene Bevölkerung schießen zu müssen. Bis die ersten Soldaten begannen, die Armee zu verlassen und die Freie Syrische Armee zu bilden. Sie ließen staatliches Kriegsgerät und Waffen mitgehen. So formierte sich erstmals eine Bürgerarmee, die sich Assad militärisch entgegenstellen konnte. Fortan lieferten sich beide Seiten heftige Gefechte und dies war der Moment, in dem Mosaab realisierte: „Wir befinden uns im Krieg“. Doch es blieb nicht bei den militärischen Auseinandersetzungen zwischen der Freien Armee und den Regierungstruppen. Assad wollte an der Macht bleiben, mit allen Mitteln. Beim Versuch, die Kontrolle über verloren gegangene Gebiete zurückzugewinnen, werden Helikopter eingesetzt, die Fassbomben und Raketen auf die Städte abwerfen. „Wir haben es mit unseren eigenen Augen gesehen. Die Helikopter flogen in 7km Höhe. Sie haben die Bomben willkürlich abgeworfen. Sie wollten zerstören. Koste es was es wolle“. Seine Stimme beginnt zu zittern. 

„Sie haben meine Nachbarn getötet, unsere Häuser zerstört. Einfach alles“. Der Einsatz von Fassbomben wird international verachtet, da diese oft provisorisch gebauten Bomben nicht dafür geeignet sind, zielgenau eingesetzt zu werden. Dies spricht für Mosaabs Eindruck, dass „Assad wahllos getötet hat. Frauen und Kinder, Muslime und Christen“. Doch selbst als der Bürgerkrieg zum täglichen Leben wurde, verspürte Mosaab keine Angst. „Es ging nicht um meine persönliche Angst“, vielmehr verspürte er Wut. Wut auf den Rest der Welt, diesen blutrünstigen Diktator nach freiem Willen wüten zu lassen. Wut auf die Untätigkeit der internationalen Gemeinschaft. Und Wut auf diesen Machthaber, der ihm ein freies Leben verwehrt. Anfang 2014 betritt ISIS das Schlachtfeld. Bereits seit längerer Zeit wären Gerüchte umgegangen, dass ISIS in der Stadt wäre. Doch niemand hatte vorher je etwas von ihnen gehört, geschweige denn gesehen. Für Mosaab steht fest: „ISIS operiert in Assads Interesse. Sie bekämpfen seine Gegner, die Freie Armee. Besser hätte es für ihn nicht kommen können“. Die verbreitete Berichterstattung über die Gräueltaten und die Bedrohung von ISIS ringt ihm nur ein Kopfschütteln ab. „ISIS hat 10  Menschen am Tag hingerichtet. Assad 100. Wer ist als der größere Verbrecher?“

 

Aufbruch zu einer Reise ohne Ziel 

 
Als immer mehr Soldaten der staatlichen Armee den Rücken kehren und zur Freien Armee übergehen, verschärft Assad die Regeln. Er erlässt im Schnellverfahren ein Gesetz, dass das Leben von Mosaab und allen anderen Studenten im Land einschneidend beeinflussen sollte. Assad ordnet an, dass kein männlicher Student seinen Universitätsabschluss erhält, ohne sich anschließend für die syrische Armee zu verpflichten. Der Ausnahmezustand wird ausgerufen. Für Mosaab bricht eine Welt zusammen. „Ich hätte auf meine eigenen Leute schießen müssen“, bedeutete dieser Entschluss für ihn. Dieser Moment ist für Mosaab ein entscheidender Wendepunkt.
Er begibt sich auf die Reise in seinen Heimatort, um dort mit einem langen Gespräch und viel Überzeugungsarbeit seine Eltern von seinem Entschluss, sich auf die Flucht zu begeben, zu überzeugen. „Entgegen meinen Erwartungen haben mich meine Eltern sogar in meinem Vorhaben bestärkt“, und beschließen ihrem Sohn zu helfen, wo sie nur können. Den Erlös aus dem Verkauf des Familienautos geben sie Mosaab als Startkapital mit auf den Weg. „Ich bin ihnen noch immer unendlich dankbar, dass sie mir diese Reise ermöglicht haben“. Eine Reise ohne Ziel, eine Etappe ins Ungewisse bricht an. Die einzige Gewissheit, die es zu diesem Zeitpunkt gibt: Mosaab wird seine Familie, seine Verlobte, seine Freunde und sein gesamtes Leben hinter sich lassen. Er wird unfreiwillig zum Hauptdarsteller einer Geschichte, die er nie schreiben wollte. Deren folgende Seiten und Kapitel noch unbeschriftet sind. Doch er ist sich bewusst, dass es an ihm liegt, diese Geschichte positiv fortzuschreiben.
Wie beschwerlich diese Reise werden sollte, wird ihm bereits in Aleppo bewusst, als er den Grenzposten am Miltärcheckpoint 1.000$ Bestechungsgeld zahlt, um diesen passieren zu dürfen. „Als Palästinenser ist es illegal, die von der Regierung kontrollierten Gebiete zu verlassen“, weiß Mosaab. Nie zuvor hat er Syrien verlassen, und plötzlich befindet er sich allein und nur mit dem Nötigsten ausgestattet auf weitem, unbekannten Gebiet.

Dennoch bahnt er sich seinen Weg bis zur syrischen Grenze in die Türkei. Er setzt seinen Fußmarsch auf türkischem Boden bis nach Izmir fort, um dort einen der vielen Menschenschlepper zu treffen, die illegale Überfahrten nach Griechenland organisieren. Unzählige dieser Schlepper seien direkt im Stadtzentrum von Izmir anzutreffen, sprechen die bedürftig aussehenden Menschen offen an und verhandeln mit ihnen den Überfahrtspreis. Nachdem Mosaab einem der Schlepper 1.250$ in die Hand gedrückt hat, wird er in einen kleinen Autobus geführt, der ihn nach Anbruch der Dunkelheit mit 43 weiteren sich auf der Flucht befindenden Menschen an die Küste in der Nähe von Izmir bringt. „Es war komplett dunkel. Ich konnte nicht erkennen, was geschieht. Unter uns waren schwangere Frauen und kleine Kinder“. 

Am Strand angekommen, will er seinen Augen nicht trauen. Die Schlepper fordern sie auf, ein neun Meter langes Holzboot zu besteigen. „Ich konnte nicht glauben, dass wir mit diesem viel zu kleinen Boot 43 Menschen nach Griechenland über das offene Meer bringen können“. Die Stimmung sei angespannt gewesen. Hunger, Müdigkeit und Angst waren dennoch nicht so stark wie der Wille, die Überfahrt ins sichere Europa zu wagen. „Ich hatte keine Angst um mich, denn ich weiß, dass ich mich hätte retten können. Ich hatte Angst um die Frauen mit ihren Kindern.“ Sich auszumalen, dass er mit ansehen müsse, wie sie ertrinken und nichts dagegen ausrichten zu können, das sei seine größte Angst gewesen.

Die Überfahrt verlief zuerst reibungslos, aufgrund der Windstille kam es zu keinen größeren Komplikationen. Als die griechische Küste bereits in Sichtweite rückt, wendet sich das Blatt dramatisch. Hohe Wellen ziehen auf, das Boot beginnt zu sinken. „Wir haben unsere Schuhe ausgezogen, um das Wasser aus dem Boot zu bekommen“. Als das nicht reicht, springen Mosaab und die anderen Männer ins kalte Wasser, um das Boot zusätzlich von hinten anzuschieben. Für einen Moment war es ungewiss, ob das Boot jemals die griechische Küste erreichen würde. Doch die Anstrengungen sollten sich auszahlen, alle Beteiligten erreichen unbeschadet das griechische Festland. Fortan sind sie wieder auf sich allein gestellt, die Schlepper verschwinden. Wenige von ihnen haben Zugang zum griechischen Netz und stellen eine GPS-Verbindung her, die ihnen den Weg zur griechischen Insel Samos, einer 33.000 Einwohner umfassenden Gemeinde in der östlichen Ägäis, weist. Ihr achtstündiger Fußmarsch führt sie durch Gebirge und Wälder, noch immer getränkt in Salzwasser, das nach und nach beginnt, sich in ihre Haut zu fressen. In Samos angekommen, trennen sich die Wege der Gruppe, die in den letzten Stunden so sehr zusammengewachsen ist. „Wir waren Leidensgenossen, die zusammen durch die Hölle gegangen sind“.
„Ich dachte, es ist vorbei“

In Athen versucht Mosaab, zusätzliches Geld abzuheben, das seine Eltern ihm aus Syrien überwiesen haben. Doch die griechische Staatskrise sollte seinen Plan verhindern. „Die Geldautomaten waren leer, man sagte mir, ich würde mein Geld erst in einigen Wochen bekommen können“. Deshalb entschließt er, direkt weiter mit dem Zug nach Serbien zu reisen. Nach der Zugfahrt ist sein Budget aufgebraucht. Ausgehungert und ohne Schlaf, verbringt Mosaab drei Tage lang auf der Straße und ist auf die Almosen der serbischen Bürger angewiesen, bis er das für ihn zuständige Flüchtlingscamp erreicht. Obwohl er sich hier bereits auf sicherem europäischen Boden befindet, sollte ihm die schlimmste Erfahrung seiner Reise im serbischen Flüchtlingscamp wiederfahren.

Gemeinsam mit 3.000 weiteren Flüchtlingen wartet Mosaab auf den Zugang zu einem der bereitgestellten Busse, die sie weiter nach Ungarn bringen sollten. Der Zugang wird jedoch nur einzeln gewährt, sodass sich eine lange Warteschlange vor den Bussen bildet. Nach 4 Stunden Wartezeit ist es nun fast so weit. „Plötzlich kam eine Gruppe kurdischer Männer auf mich zu. Bevor ich reagieren konnte, zuckte einer der Männer ein Messer und presste es in meinen Nacken.“ Der Anführer der Gruppe forderte Mosaab auf, seinen Platz in der Warteschlange zu verlassen und ihnen zu überlassen. „Natürlich habe ich mich nicht gewehrt. Die hätten mich abgestochen“. Mosaab bekommt einen Schlag auf den Kopf und einige Tritte gegen den Körper mit. Er wendet sich an die serbische Polizei und schildert ihnen den Vorfall. Doch bekommt er schnell zu verstehen, dass die serbische Polizei wichtigere Dinge zu tun hat, als sich um die Sicherheit syrischer Flüchtlinge zu kümmern.

Stattdessen findet er Hilfe beim Roten Kreuz, die ihn medizinisch versorgen. Eine der freiwilligen Helferinnen bietet ihm sogar an, ihn persönlich an die serbische Grenze mit Ungarn zu fahren. „Ich werde nie vergessen, was diese Frau für mich getan hat“. Es folgt eine Zugfahrt nach Österreich, auf der er den ersten Schlaf seit drei Tagen findet.
Ein weiterer Tiefpunkt seiner Reise wiederfährt im auf seinem langen Fußmarsch auf der österreichischen Autobahn. Dieser Weg zum nächsten Flüchtlingslager fällt ihm besonders schwer- nicht aufgrund der unzähligen Kilometer, die er in den vergangenen Tagen zurückgelegt hat oder der aufgeplatzten Füße, die schmerzen; auch nicht aufgrund des leeren Magens, der ihn schon seit geraumer Zeit quält- an diese Strapazen hat er sich mittlerweile gewöhnt. Es war der Schmerz, das erste Mal beim Id-al-Adha, dem islamischen Opferfest, nicht bei seiner Familie sein zu können. Und nicht nur das- seit Tagen hatte Mosaab keine Gelegenheit, Kontakt zu seinen Eltern aufzunehmen. „Ich wollte ihnen einfach nur sagen, dass ich am Leben bin.“

Seine weitere Reise führte ihn nach Wien, Aachen und letztendlich nach Rotterdam, wo er seit einigen Wochen in einem Flüchtlingsheim untergekommen ist. „Mir geht es sehr gut hier. Es ist für alles gesorgt- wir haben genügend Decken, die Menschen bringen uns täglich Essen vorbei.“ Sogar erste Freundschaften hat Mosaab mit einigen Menschen aus der Nachbarschaft geschlossen. Mit seinen Englischkenntnissen fällt es ihm leicht, Anschluss zu finden. Doch in seinem Flüchtlingsheim seien auch viele traumatisierte Menschen, die mit niemandem über ihre Erlebnisse sprechen könnten. 

Die Grundeinstellung der niederländischen Menschen sei positiv gegenüber den Flüchtlingen, Mosaab verspürt eine tiefe Dankbarkeit für die gelungene Aufnahmekultur. „Ich verdanke diesen Menschen, dass ich noch am Leben bin“, aber „natürlich gibt es auch wenige, die uns hier nicht haben wollen“. Mosaab glaubt jedoch nicht, dass diese Menschen einen generellen Hass auf Flüchtlinge hegen, sondern vielmehr „enttäuscht sind von ihren eigenen Regierungen, die uns alle in eine solch angespannte Situation bringen“. 

Mosaab hat gleich in der ersten Woche begonnen, sich Niederländisch beizubringen und versucht, möglichst viele Kontakte zu den Einheimischen zu knüpfen. „Mein Traum ist es, mein Studium hier fortzusetzen und dann zurück nach Syrien zu gehen. Ich weiß, es ist gefährlich. Ich weiß aber auch, das mich mein Land braucht“.
Ich habe dieses Interview geführt, ohne zu wissen, was mich erwartet. Ich wollte mich auf eine Geschichte einlassen, für die ich höchsten Respekt empfinde. Als Mosaab mir seine Geschichte an diesem dunklen Novemberabend so erzählte, fühlte ich mich wie ein Flüchtling, für einen Moment.
 
 
 
 

Islam trifft auf den Westen: Vom Clash zur Verständigung

Über Identität und Integration

 
„Die verändern unsere Gesellschaft!“, ist eine häufige Antwort auf die aktuell heiß diskutierte Frage, welche mittel- und langfristigen Auswirkungen der momentane Flüchtlingszustrom nach Deutschland mit sich bringen könnte. Bereits aus dieser kurzen Aussage lassen sich viele Schlüsse ziehen: Die Differenzierung zwischen „denen“ und „uns“. Die Aufteilung der Gesellschaft in mindestens zwei unterschiedliche Gruppen, in die „Dazugehörigen“ und die „Anderen“. In die der Insider und Outsider. Doch was genau braucht es eigentlich, um sich zu einer der beiden Gruppen dazugehörig fühlen zu dürfen?

Eine Thematik, mit der wir uns als Gesellschaft in der nahen Zukunft intensiv auseinandersetzen sollten, um die Flüchtlinge nicht nur aufzunehmen, sondern zu integrieren. Damit dies geschehen kann, sollten wir zunächst einmal klären, was für uns im „Westen“ Identität überhaupt bedeutet und aus welchen Bestandteilen sie sich zusammensetzt. Gibt es eigentlich die eine westliche Identität? Und wenn ja, wie ist sie entstanden?
Vor allem in der heutigen Zeit wird vermehrt auf die Differenzen der islamischen und westlichen Kultur hingewiesen. Da Kultur etwas historisch Gewachsenes ist, lohnt sich ein Blick in die Vergangenheit, um etwaige Unterschiede zwischen dem Islam und der westlichen Kultur ausfindig zu machen.

Erstes Aufkeimen von „westlicher“ Identität

Wie gelingt der Weg zur Verständigung?

Das erste Mal, dass sich so etwas wie ein Gemeinschaftsgefühl westlicher Völker entwickelt hat, war im 13.Jahrhundert. Der christliche Glaube war das Band einer Gemeinschaft, die sich zu damaliger Zeit von Türken, Byzantinern und Mauren eindeutig abgrenzte. Wie stark dieses Band des geteilten Glaubens verbinden kann, zeigten die im Namen Gottes ausgeführten Kreuzzüge. Auch wenn bekanntermaßen die Ausbeutung der islamischen Völker und die Bereicherung an deren Kulturgütern mehr als nur willkommene Beiprodukte waren, der Glaube an eine Religion hat es geschafft, zu immer wiederkehrenden Konflikten zwischen Islam und Christentum zu führen. Auch für viele Soziologen ist Religion der wichtigste Faktor, der Menschen zweier Kulturen voneinander unterscheidet.

 
Da sich in der heutigen Zeit jedoch nicht mehr Kreuzritter und Kämpfer des Islam gegenüberstehen, muss es ein Element innerhalb der jeweiligen Religion sein, die den Unterschied zwischen den Kulturen bildet. Betrachten wir das Beispiel von Macht und Nationalstaat. Ein wesentliches Merkmal der westlichen Kultur besteht darin, dass seit jeher geistliche von weltlicher Macht getrennt wurde. Die Kirche als Institution hat immer neben dem Staat existiert, es gab sowohl Gott als auch Kaiser, Kirche und Staat als Koexistenz. Im Islam hat der Nationalstaat historisch gesehen nie eine solche Bedeutung wie im Westen entfaltet, da die Souveränität Allahs und der ummah (die Gesamtheit aller Gläubigen) nicht ohne Weiteres mit dem souveränen Nationalstaat vereinbar sind.

Im Westen hingegen hat der stetige Konflikt um die Ausbalancierung der Macht zwischen Kirche und Staat zu einer individuellen Freiheit der Gesellschaft geführt, die vor allem auf der Teilung der Herrschaft beruht. Weder der Staat noch die Kirche konnten mit ihrem Absolutheitsanspruch eine Gesellschaft nach ihren Vorstellungen formen. Anders im Islam. Der Koran und die Scharia sind bis heute die Rechtsgrundlage in nahezu allen islamischen Gesellschaften, dadurch werden diese Schriften in einem Maße sozial verbindlich, wie es die Bibel im Westen niemals war. Diese Erkenntnis erklärt den westlichen Fortschrittsglauben und den arabischen Traditionalismus. Während in der westlichen Welt das Zeitalter der Aufklärung mit seinen Vorreitern Kant, Descartes und Voltaire die Bedeutung der Vernunft über die des Glaubens stellte, dominiert in der islamischen Welt noch immer der Absolutheitsanspruch und die Gültigkeit der heiligen Schrift. Hier prallen zwei Weltanschauungen aufeinander, die in ihren Fundamenten, in ihrer Basis kaum unterschiedlicher sein könnten.
 
Ein weiterer Grund für die unterschiedliche Stellung und Akzeptanz des Nationalstaates in westlichen und arabischen Ländern lässt sich darauf zurückführen, dass viele arabische Staaten das „zufällige“ Produkt des europäischen Imperialismus sind. Grenzen wurden von den Kolonialherren oftmals willkürlich gezogen, sodass Bevölkerungsstämme und Ethnien plötzlich zusammen eine Gemeinschaft bilden sollten, die vorher in dieser Form nie existiert haben.
Welch großen Stellenwert in den arabischen Ländern die Glaubensgemeinschaft hat und welch geringe Bedeutung die Nationalstaaten, zeigt sich an der Konfliktstatistik. So gab es seit dem zweiten Weltkrieg nur zwei bewaffnete Auseinandersetzung zwischen arabischen Staaten, jedoch unzählige zwischen verschiedenen islamischen Glaubensgemeinschaften.
 

Clash of civilizations?

 
Für Samuel Huntington, einem amerikanischen Politikwissenschaftler, führt diese Entwicklung zum „clash of civilizations“, zum Kampf der Kulturen.
Jedoch muss man nicht so eindeutig Stellung beziehen wie Huntington, um zu erkennen, dass sich im Westen ein Individualitätsgefühl herausgebildet hat, das sich in der Stärkung individueller Rechte und Freiheiten verfestigt hat. Die Gleichstellung von Mann und Frau, sowie der Schutz und die Akzeptanz von Minderheiten seien hier als Beispiele genannt, wobei unstrittig ist, dass selbst im „freien“ Westen in vielen Bereichen noch Nachholbedarf besteht.

Im Gegensatz zum Individualitätsgefühl des Westens hat sich in den arabischen Ländern ein Kollektivgefühl ausgebildet, die Zugehörigkeit zur ummah, zur Gemeinschaft aller Gläubigen. Für eine erfolgreiche Verständigung beider Kulturen in der Zukunft bedarf es einer „step-forward“ Mentalität beider Seiten. Konkret bedeutet dies ein Verständnis für das Kollektivbedürfnis der Muslime, sowie die Achtung und Verinnerlichung des Rechtsstaates -der in der westlichen Hemisphäre über der Religion steht- von Seiten der arabischen Bevölkerung. Integration kann nur gelingen, wenn beide Kulturkreise Abstriche machen und sich von der universellen Richtigkeit ihres Selbstbildes verabschieden.
 
Auf was für einem wackeligen Gerüst das westliche Selbstverständnis steht, die eigene Kultur sei mit ihrer Freiheit und Individualität die fortschrittlichste aller Kulturen, zeigt eine Studie von Geert Hofstede. In seiner interkulturellen Studie fand er heraus, dass „die Werte, die im Westen am wichtigsten sind, sind weltweit am bedeutungslosesten.“ Dieser kritische Blickwinkel auf das eigene Selbstverständnis ermöglicht einen offeneren Umgang mit anderen Kulturen, und verbietet die Wertung und Einteilung von Kulturen in „besser“ und „schlechter“.
 
Nicht alle kulturellen Differenzen können mit der Religion erklärt werden, dennoch ist sie etwas Fundamentales: Sie prägt unsere Vorstellungen von gut und böse, von gerecht und ungerecht. Gewisse Unterschiede in den Wertvorstellungen westlicher und muslimischer Menschen lassen sich nicht leugnen. Kultur ist historisch gewachsen, jedoch nicht für immer unantastbar. Vielleicht befinden wir uns momentan an einer Schnittstelle von westlicher und islamischer Kultur. Die Frage ist nicht, ob der Islam „verwestlicht“ oder der Westen „islamisiert“ wird. Nein, die Frage ist vielmehr, wie eine Schnittstelle zwischen diesen beiden Kulturen entstehen kann. Gemeinsam geteilte Werte und Vorstellungen etabliert werden können. Wir stehen am Anfang eines Prozesses, der die neuen Regeln des Zusammenlebens unserer Kulturen austangieren kann, denn eine gemeinsame Identität ist nicht Voraussetzung, sondern die Folge von Integration. Welche Chancen kann eine erfolgreiche Verständigung dieser Kulturen doch hervorbringen! Man möchte all den „Bewahrern“ der Heimat und den besorgten Bürgern zurufen: Willkommen im 21. Jahrhundert!

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