Über scheinheilige Kapitalismuskritik

Es ist wieder so weit: 1.Mai Demonstrationen in ganz Deutschland bringen linke Aktivisten auf die Straße, die – ja wofür eigentlich?- demonstrieren. Die eigentlichen Ziele der Demonstrationen scheinen sich heutzutage mehr und mehr zu verwässern: Gegen rechts, gegen Ausbeutung, gegen den Kapitalismus, aber wofür eigentlich? Historisch gesehen hat der Maifeiertag eine wichtige Tradition: Anfang 1886 rief die nordamerikanische Arbeiterbewegung zur Durchsetzung des Achtstundentags zum Generalstreik am 1. Mai auf . Dafür traten  rund 400.000 Beschäftigte aus 11.000 Betrieben der Nation in den Streik. Über 80.000 Menschen zogen Arm in Arm mit ihren Gewerkschaftsfahnen durch die Straßen der Stadt Chicago am Michigansee.

Im Gegensatz zu den konkreten Forderungen des 19.Jahrhunderts bleiben die Demonstrationsziele heutiger Proteste vage- der Widerstand gegen den Kapitalismus ist so unbestimmt, da impliziert wird, dass es den einen Feind gäbe, der besiegt und anschließend abgeschafft werden müsste. Daraus würde automatisch das gute, bessere Leben entspringen. Dass dieses dürftige Glaubensbekenntnis an eine bessere Welt, die auf den bösen Kapitalismus folgt, den Eindruck entstehen lässt, dass die Aktivisten die Idee einer Revolution attraktiv und charmant finden, jedoch keine wirklichen Anleitungen für das gute Leben haben, ruft bei den meisten Menschen nur ein müdes Lächeln hervor.

Utopien mit der Aussicht auf Verwirklichung sind bislang offenbar noch Mangelware – fehlt es doch meistens an konkreten Anleitungen, die Utopien zur Realität werden lassen können. Es ist paradox: Angesprochen auf unser Wirtschaftssystem befinden die wenigsten, dass der Kapitalismus ein gutes oder gar gerechtes System sei. Es sind bemerkenswerte Zahlen: 88 Prozent der Deutschen wünschen sich eine „neue Wirtschaftsordnung“, denn der Kapitalismus sorge weder für einen „sozialen Ausgleich in der Gesellschaft“ noch für den „Schutz der Umwelt“ oder einen „sorgfältigen Umgang mit den Ressourcen“ zeigt eine Emnid-Umfrage im Auftrag der Bertelsmann- Stiftung.“Es ist nunmal das System, in dem wir leben“, ist eine plastische, aber gerade deshalb treffende Beschreibung des gefühlten status quo.

Dass sich dennoch keine nennenswerten Bewegungen dem Kapitalismus entschieden entgegenstellen, hat viele Gründe. Nicht nur die begrenzten Zeitressourcen der durchschnittlichen Erwerbsperson lassen wenig Raum für revolutionäres Gedankengut. Der Kapitalismus ist gemütlich- übernimmt er doch ganz wesentliche Funktionen des gesellschaftlichen Zusammenlebens: Über Märkte werden knappe Ressourcen effizient unter den Menschen verteilt. „Effizient“ lässt hierbei keinerlei Rückschlüsse darauf zu, ob die tatsächliche Verteilung auch gerecht ist, sie funktioniert nach einem einfachen Prinzip. Durch das freie Spiel von Angebot und Nachfrage werden die knappen Güter verteilt, Angebote entstehen dort, wo sie auf eine zahlungsfähige Nachfrage treffen.

Der Markt fragt nicht danach, welche wahren Bedürfnisse eine Gesellschaft hat; so kommt es zu dem historisch gesehen einmaligen Phänomen, dass Wachstumsmärkte mit innovativen Gütern einen unendlichen Überfluss an Waren produzieren, während gleichzeitig auf der anderen Seite des Globus wesentlich essentiellere Bedürfnisse, wie die flächendeckende Versorgung mit Medikamenten oder eine ausreichende Grundwasserversorgung, unbefriedigt bleiben. In sich bleibt das System weiterhin logisch stringent und es gibt eine einfache Erklärung für diese Auswüchse: Für Investoren ist es schlichtweg unattraktiv, in die Forschung und Entwicklung von Medikamenten zu investieren, die zwar in Afrika dringend benötigt werden und über Leben und Tod entscheiden, jedoch auf wenig zahlungskräftige Nachfrager treffen. Im Resultat finden sich keine Investoren, die dieses Gut anbieten – und die Nachfrage bleibt unbefriedigt. Dennoch: Gesamtgesellschaftlich gesehen bringt der Kapitalismus fragwürdige Ergebnisse hervor und berechtigte Zweifel mit sich, ob die zivilisierte und vor technologischen Möglichkeiten strotzende Gesellschaft des 21. Jahrhunderts nicht unter ihren wahren Möglichkeiten bleibt.

Kann Kapitalismus gerecht sein?

Kapitalismus- Befürworter werden nicht müde zu betonen, dass die Wandlungs – und Anpassungsfähigkeit des hiesigen Systems im Vergleich zu allen bisher gekannten Wirtschaftsordnungen seinesgleichen sucht. Tatsächlich hat sich in den letzten Jahren eine Strömung aus dem Kapitalismus herauskristallisiert, die den Bedenken der Befragten aus der Emnid Umfrage eine Antwort entgegensetzt: Führende Unternehmen auf dem Weltmarkt verpflichten sich zunehmends dem sogenannten „Shared – Value – Ansatz„, der darauf abzielt, den individuellen Unternehmensnutzen stets mit einem gesellschaftlichen Benefit zu verbinden. Unternehmen sollen so ihre Existenzberechtigung in der Gesellschaft zurückerlangen und wirtschaftliche wie gesellschaftliche Bedürfnisse nicht länger als Gegensatz betrachten. Porter und Kramer, führende Köpfe des Ansatzes, sprechen von einer „höheren Form des Kapitalismus“, der aus diesem Ansatz resultieren kann, da gesellschaftliche Bedürfnisse ab sofort integraler Bestandteil von Unternehmenserfolgen werden. Wie dies konkret aussehen könnte, soll anhand von zwei Unternehmen illustriert werden, die bereits diesem Ansatz folgen.

Die international tätige Firma WaterHealth versorgt mithilfe von innovativen Wasserreinigungstechniken mehr als eine Million Menschen in Ghana mit sauberem Wasser. Die Catering – Firma Revolution Foods stellt täglich gesundes Essen für 60.000 Schüler bereit – mit diesen Unternehmenstätigkeiten werden kapitalistische Profitinteressen mit gesellschaftlich sinnvollen Vorhaben kombiniert. Ob dieser Ansatz mehr als nur ein Nischenphänomen sein kann und den Kapitalismus tatsächlich zu einer höheren, sozial gerechten Ausprägung umformen kann, bleibt fraglich.

Back to the roots – Kritik a´la Utopia

In seiner historischen aber dennoch ungleich aktuellen Schrift „Utopia“ geht Thomas Morus der ganz grundsätzlichen Frage nach, was eigentlich das gute, gerechte Leben ausmacht. Er identifiziert sogleich das Grundübel des Kapitalismus, welches nach seiner Überzeugung eine gerechte Gesellschaft unmöglich macht:

Solange es Privateigentum gibt, wird es keine Glückseligkeit geben. Denn egal, wie groß die Gütermenge auch sein mag, sie wird doch nur unter wenigen aufgeteilt. So kann aus der Heilung des einen nur die Krankheit des anderen entstehen, weil keinem etwas zugelegt werden kann, ohne es dem anderen wegzunehmen.“

Über den Sinn und die Legitimation von Privateigentum haben sich zahlreiche Philosophen bereits den Kopf zerbrochen, das zwanghafte Streben der Menschen nach Abgrenzung von den Mitmenschen, der Statuserhalt, die Herausbildung einer eigenen identität im Strom der vielen Individualisten- das alles ist für Thomas Morus das hausgemachte Resultat des Kapitalismus, in dem jeden die Not drängt, sich mehr für „seine eigene Person als um das Volk zu sorgen.“

Auch wenn viele Thesen in „Utopia“ nicht mehr dem heutigen Zeitgeist der freien, selbstbestimmten Gesellschaft entsprechen, können einige Gedanken vielleicht den Grundstock einer neuen Gesellschaft fernab des Kapitalismus bilden. Liegen die Demonstranten der Maidemonstrationen also vielleicht doch gar nicht so falsch, wenn sie die Abschaffung des Kapitalismus fordern?

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s