Revolution mit einem Lächeln auf dem Gesicht

„Alles in der Menschheitsgeschichte ist entstanden, weil jemand bereit war, sich aufzuopfern“, wirft Nadja Tolokonnikowa in den Saal. Es soll um Revolutionen gehen, an diesem Abend im Maxim Gorki Theater- um schrillen, kreativen und friedvollen Widerstand a lá Pussy Riot. Nach 2 Jahren russischem Straflager, in dem einige ihrer Mitinsassinen an Erschöpfung und Hunger gestorben sind, könnte man an diesem Abend eine verbitterte, desillusionierte junge Frau erwarten, die sich im Kampf gegen die russische Autokratie verhoben hat. Jedoch scheint das Gegenteil der Fall: die heute 26-jährige scheint entschlossen wie nie zuvor, der Weltöffentlichkeit ihren Revolutions-Enthusiasmus näher zu bringen.

Alles begann mit der russischen Präsidentschaftswahl 2012. Tolokonnikowa machte diese Wahl zu ihrer persönlichen Schicksalswahl wie sie in ihrem Buch schreibt: „Diese Wahlen sollen über mein Leben entscheiden“. Die bekennende Feministin und Aktionskünstlerin tritt seit jeher für ein freies und selbstbestimmtes Russland ein und empfindet jegliche staatliche Intervention in das Privatleben als Repression. Insbesondere die russisch-orthodoxe Kirche, die sich selbst als Staatskirche versteht, tritt für ein zutiefst repressiv-konservatives Menschenbild ein: So wird Feminismus als Gift eingestuft, welches das Christentum zerstört und den Männern die Frauen wegnimmt.  Doch welche Formen des Widerstands kann es in einem von Korruption und Autokratie durchtränkten Land geben, in dem jeglicher öffentlicher Widerstand, in Lagerhaft enden kann? Die Sängerin beschreibt die russische Gesellschaft als Gemeinschaft ohne Spielregeln, in der bei Ungehorsam „eine Kugel in die Stirn, ein abgebranntes Auto oder ein gebrochenes Bein“ warten. Dennoch fühlte sich Tolokonnikowa, die ausgerechnet am Tag der Oktoberrevolution geboren wurde, zu Höherem berufen. Sie wollte ihren Überzeugungen und ihrem freien Weltbild Luft machen in einer Gesellschaft, die eingeschüchtert von der omnipräsenten Staatsdoktrin nicht vorbereitet war auf die feministische Punk-Band Pussy Riot.

In dem Keller einer Moskauer Kirche braute sich etwas zusammen, das die russische Gesellschaft später in Atem halten sollte: Eine Mischung aus Punk-Feminismus und Rebellion, gepaart mit provozierenden Texten gegen die großen Player- die orthodoxe Kirche, das autokratische System und die eingeschüchterte Bevölkerung. Anfangs hatte die Gruppe nicht die nötigen Mittel, ihre Botschat hinaus in die russische Öffentlichkeit zu tragen- geleitet von  tollkühnem Idealismus und unermüdlichem Enthusiasmus hat Pussy Riot dennoch einen Weg ins Bewusstsein der Massen gefunden. Mit geborgtem Equipment und Fotografen aus dem Freundeskreis wurden die ersten Auftritte aus dem Stegreif in Eigenorganisation veranstaltet. Sie studierten ein, wie sich innerhalb kürzester Zeit eine Rampe aufbauen lässt, das Equipment an den Strom angeschlossen wird und vor allem: „wie man weitersingt, wenn man von Polizisten an den Füßen hinter sich hergezogen wird“. Maximale Aufmerksamkeit zu erreichen, in den wenigen Minuten bis die Polizei sie mit auf das Revier nehmen würde, war die Devise. In ihrem Buch heißt es: „Suche Liebe auf öffentlichen Plätzen“. Je mehr Menschen sich mit dir verbünden, desto größer ist die Wirkung deiner Botschaft. Manchmal sei es sogar vorgekommen, dass die abgestellten Polizisten mit den Texten der Punk- Gruppe sympathisierten, da „alle genau wissen, dass es so nicht weitergehen kann“. Nach mehreren Kurzauftritten und anschließenden Besuchen in kalten Inhaftierungszellen sollte es am 21.Februar 2012- zwei Monate vor Putins Wahl zum Präsidenten- zum großen Showdown kommen.

„Mutter Gottes, Jungfrau, verjage Putin“ heißt es im Punk-Gebet von Pussy Riot, vorgetragen in der Christ-Erlöser Kathedrale Moskaus. 41 Sekunden dauert das Spektakel: genug, um eine Weltöffentlichkeit zu erreichen- jedoch auch genug, um wegen zahlreichen Verstößen gegen die Rechtsordnung und religiöse Normen in Isolationshaft verbannt zu werden. Im Nachhinein schreibt sie: “ Ich muss meinem Staat dafür danken, ins Gefängnis geworfen worden zu sein. Ich bekam so die Gelegenheit, seine totalitären Züge in voller Härte auskosten zu können“. Aussagen wie diese passen zu einer Nadja Tolokonnikowa, die an diesem Abend bewusst gelassen und spitzzüngig provokant ihre Füße auf dem vor ihr platzierten Tisch ausstreckt, immer wieder mit ihrem Smart-Phone herumspielt und generell alles dafür tut, das Bild der rebellischen Punk-Feministin aufrecht zu erhalten. Diese Fassade kann jedoch nicht über die Repressalien hinwegdeuten, die sie in ihrer Gefangenschaft erleiden musste. Doch selbst stundenlange Zwangsarbeit in Straflagern, in denen die Temperatur bewusst niedrig gehalten wurde, um die Gefangenen zu brechen und fügig zu machen, konnte ihren ureigenen Idealismus nicht brechen: Unzufrieden mit den unerträglichen Verhältnissen in russischer Gefangenschat, der kräftezehrenden Arbeit Tag für Tag und der unzureichenden Verpflegung der Insassen entschied Tolokonnikowa, zweimal in den Hungerstreik zu treten.

Pussy_Riot8

Sie forderte humane Bedingungen in den dunklen Strafbunkern aus Sowjetzeiten und war nicht bereit länger mit anzusehen, wie hunderte HIV- Kranke in ihrer Haftanstalt nicht nur zwölf Stunden täglich Zwangsarbeit verrichten mussten, sondern auch nicht die erforderliche Medikation erhielten. Die Sängerin war sich vollkommen bewusst, welche Möglichkeiten des Aufstands sie im russischen Straflager hatte- in ihrer knappen freien Zeit studierte sie jegliche Gesetzestexte, die für ihren Fall relevant waren. Aus diesem Grund wagte sie auch keinen offenen Aufstand mit verbündeten Mithäftlingen, da in diesem Fall ihr gesamtes Hab und Gut hätte beschlagnahmt werden können. Die Zeit im Straflager, die sie  größtenteils mit dem Nähen von Polizeiuniformen verbrachte, in denen sie heimlich in Primark-Manier kleine Zettelchen mit Aufschriften versteckte, hat Tolokonnikowa nachhaltig geprägt. Ihr ungebrochener Glaube an das Gerechte und Gute sollte sich auszahlen- internationale Größen wie Madonna bekundeten öffentlich ihre Solidarität mit der Pussy-Riot Sängerin. Doch auch in Russland selbst ebbte der revolutionäre Geist des Punk-Gebets nicht vollkommen ab: der bekannte Aktionskünstler Pjotr Pawlenski machte mit schockierenden Performances auf sich aufmerksam. Aus Protest gegen die Inhaftierung der Pussy-Riot Mitglieder nähte er sich zunächst den Mund zu, wickelte sich später vor einem Regierungsgebäude nackt in Stacheldraht ein und zündete die Eingangstür des russischen Geheimdienstes an. Es sind Protestaktionen wie diese, die der gefühlten Ohnmacht der russischen Gesellschaft eine Stimme geben.

Mit ihrer Anleitung zur Revolution ist jedoch kein weiteres Kampfpamphlet entstanden, sondern es finden sich des Öfteren Passagen wie „Vergiss nicht, deinen Feinden zu danken“ in ihrer Schrift wieder. Aus Zeilen wie dieser spricht ihr Glaube an die Kraft der intellektuellen Überlegenheit genauso wie das Bewusstsein, dass Gewalt in einem System der staatlichen Repression nicht zum gewünschten Wandel führen kann. In ihrem neuen Projekt „Zone des Rechts“ setzt sich die Sängerin für verbesserte Haftbedingungen in Russland ein mit dem Ziel, „das bestehende, ausbeuterische Gefängnissystem in Russland zu zerschlagen“. Auf die Frage, welche Alternativen es denn zu Putin gäbe, senkt sich der Blick von Tolokonnikowa. Das Problem sei nicht nur Putin, sondern der ganze Staatsapparat: vom menschenunwürdigen Gefängnissystem über korrupte Verwaltungen bis hin zu Regierungsbeamten. Es ist das erste Mal an diesem Abend, dass die gefühlte Leichtigkeit ihrer Protestkultur, sowie das romantisierte und deshalb so attraktive Bild von der Revolution von den primitiven Wirklichkeiten in Russland eingeholt wird.

 

 

 

 

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