Wie Abdel-Samad mit Mohamed abrechnet

Verschärfte Sicherheitskontrollen am Einlass. Angespannt wirkende Personenschützer, die sich an allen Ausgängen positionieren. Zögerliche Gespräche über die Bibel, den Koran und das Judentum sind im Publikum zu vernehmen. Das Fernsehen berichtet live. Hamed Abdel-Samad, der Mohamed Kritiker, ist an diesem Abend nach Berlin gekommen, um seine Botschaft zu verbreiten: Der Islam mitsamt seinen unreflektierten Wahrheiten muss reformiert werden, um in das Leben des 21.Jahrhunderts zu passen.

Nachdem das französische Satiremagazin Charlie Hebdo im Jahr 2015 wegen der Veröffentlichung einer Mohamed-Karikatur Ziel von islamistischen Anschlägen wurde, ist eine breite Öffentlichkeit für dieses Themas sensibilisiert. Abdel-Samad darf als Journalist und Buchautor bewusst mit seiner Sprache zuspitzen, um seiner Botschaft Nachdruck zu verleihen. Dennoch fragen sich viele Besucher an diesem Abend, ob sein neues Buch mit dem Titel „Mohamed- eine Abrechnung“ den gläubigen Muslimen den wohl verdienten Respekt gegenüber wahrt, denn der Protagonist an diesem Abend ist nicht irgendwer, sondern es geht um Mohamed, die spirituelle Leitfigur, das Vorbild, an dem sich viele Millionen Muslime orientieren. Einige der anwesenden Muslime fragen sich: Darf der das?

Es ist der Politikwissenschaftler Abdel-Samad, der die sprituelle Figur Mohamed anhand von irdischen Maßstäben bewerten will und versucht mit einem Appell an die Vernunft, die gottgleiche Stellung Mohameds zu durchbrechen. Denn wie kann ein Mensch zentral mit dem Islam verbunden sein und einen bildlichen Schlüssel zum Verstehen des Koran bilden, dessen Lehren aus „diffusen Quellen“ rezitiert werden, die größtenteils erst 130 Jahre nach seinem Tod entstanden sind? Wie können im Angesicht dessen die Verehrung für das Leben und die Taten eines Mannes gerechtfertigt werden, dessen Überlieferung nicht von Menschen stammen, die tatsächlich mit ihm zusammengelebt haben? Es gebiete die Vernunft, sich der Ungewissheit bewusst zu sein, mit der man sich der Figur Mohamed nur vorsichtig annähern kann.

Mohamed- zwischen brutalem Kriegsherrn und spiritueller Leitfigur

Der Koran bietet sowohl Potenzial für Frieden als auch Potenzial für Krieg und Ausgrenzung. Abdel-Samad kommt es dabei nicht auf die richtige Lesart des Korans an, sondern auf die Tatsache, dass der Koran beide Ausprägungen zulässt. Daraus entspringt für ihn die Notwendigkeit einer intensiven Auseinandersetzung mit diesem Thema, was zwangsläufig zu einer Hinterfragung der Figur Mohamed führt, da dieser sich im Laufe der Zeit jeglicher Kritik entzogen hat und noch immer einen entscheidenden Einfluss auf den Islam besitzt. Und das, obwohl Mohamed namentlich nur viermal im medinensischen Koran erwähnt wird. Aus historischer Lesart des Korans zeichnet Abdel-Samad das Bild eines gekränkten Außenseiters, der mit einem besonders stark ausgeprägten Wunsch nach Anerkennung als Waisenkind bei Beduinen aufgewachsen ist und als Schafhirte sein Brot verdient hat. Viele Jahre führt Mohamed ein weitesgehend ereignisloses Leben, in dem er sich nie wirklich zu seinen Begleitern dazugehörig fühlt. Mit 40 gibt er seinen Job als Händler in Mekka auf, um sich in eine nahegelegene Höhle zurückzuziehen um sein spirituelles „Ich“ zu finden. In dieser Höhle nimmt das Leben Mohameds den Überlieferungen zufolge eine drastische Wendung: Ein Engel ist es, der ihm die Lehren des Koran einflüstert.

Diese mystische Überlieferung, die die Grundlage für die Verehrung Mohameds als gottgleiches Wesen begründet, ist es, die Abdel-Samad durch ein vernunftgeleitetes Element ersetzen möchte. Für ihn ist es eindeutig: Mohamed hat keine spirituelle Erleuchtung erlebt, sondern sich vielmehr in Illusionen und Wahnvorstellungen verlaufen, die ihn sich viel größer fühlen ließen, als er tatsächlich war. Ein wahnsinniger Enthusiasmus, der ihn nach diesem Schlüsselmoment seine innere Kränkung als Ausgegrenzter überwinden lässt und im selben Augenblick zum gefährlichen Hassprediger macht, der sich aus seinem alten Leben befreien will. Er will seinen Anhängern von nun an die Botschaft Gottes verkünden, und stilisiert sich selbst zu Gottes Botschafter. Ein Aufstieg, der dem Islam eine entscheidende Wendung geben sollte: Fortan wird die Ausrichtung von den Überzeugungen eines Mannes beeinflusst, der es für sich allein beansprucht, die Botschaft Gottes verkünden zu können. Welch einschneidende Folgen dies für bestimmte gesellschaftliche Gruppen mit sich brachte, sei am Beispiel arabischer Frauen illustriert. Vor der islamischen Bewegung, die von Mohamed ins Leben gerufen wurde, sind Ansätze einer emanzipatorischen Stellung der Frauen in der arabischen Gesellschaft verbreitet gewesen. Mohameds erste Frau Chadidscha war selbst eine reiche mekkanische Kauffrau, die einen erheblichen Teil ihres Vermögens geerbt hat.

Doch nach ihrem Tod radikalisiert sich Mohamed weiter, wird zum Kriegsherrn, der nach vielen Überlieferungen als Inbegriff der Radikalität vernommen wurde. Jedoch blieb die Zahl seiner Anhänger in Mekka noch immer überschaubar. Die Mekkaner forderten Wunder oder eine harte Bestrafung von Mohamed, um seine geistliche Rolle unter Beweis zu stellen. Doch diesen Beweis blieb Mohamed bis zu seinem Tod schuldig, und verwies darauf, dass auch er nur ein Mensch sei. Er machte fortan die dschinn (Dämonen) dafür verantwortlich, dass die Mekkaner seine Botschaft nicht in seinem Sinne annahmen. Deshalb änderte er seine Strategie: Mohamed begann Kriegsbündnisse mit Kriegern in Medina zu schließen und wurde zu einem „genialen Strategen, Machiavellisten, der nur Frieden predigte, wenn es ihm selbst etwas nutzte“. So lassen sich die überlieferten Suren als Kriegs- und Beutetaktik lesen:

„Wenn deine ungläubigen Gegner zu Frieden neigen, so solltest du es auch“  (Sure 8)

jedoch nur solange, wie die Lage es erfordert:

„Neige nicht zum Frieden, wenn du die Oberhand hast“   (Sure 8)

Diese historische Lesart aus der Brille des Mekka und Medina im 7.Jahrhundert wirft die Frage auf, wie vereinbar ein Koran mit dem modernen Leben sein kann, der in Zeiten von Kriegs- und Raubzügen entscheidend geprägt wurde. Abdel- Samad spitzt zu, wenn er fragt: “ Wie kann man aus heutiger Sicht einen Menschen (Mohamed Anm.d.Autors) verehren, der von Kriegsbeute gelebt und Frauen als Sexsklavinnen gehalten hat? “ Für Abdel-Samad steht fest, der Islam könne sich nur reformieren, wenn die Figur Mohamed im Medina des 7. Jahrhunderts begraben wird und die von ihm entscheidend geprägten Passagen im Koran die Geltung verlieren.  Denn insbesondere die vom Kriegsherrn Mohamed beeinflussten medinensischen Suren fallen durch offene Gewaltaufrufe und eine sich durchziehende unterschwellige Drohung für alle Sündigen auf. Islamistische Organisationen wie ISIS berufen sich heutzutage auf den medinensischen Koran in dem Sinne, wie er zu Zeiten Mohameds verfasst wurde: Als Anleitung für Kriegs- und Beutezüge im Kampf gegen die Ungläubigen. Und genau dies ist die Botschaft, die Abdel-Samad an diesem Abend aussenden möchte: Extremisten missbrauchen den Koran nicht, sondern sie berufen sich lediglich auf das gewalttätige Potenzial, das in ihm steckt. Gleichzeitig betont er, dass Millionen Muslime auf dieser Welt friedlich miteinander leben und diese radikalen Suren ablehnen, sich stattdessen auf den Islam als Religion des Friedens beziehen. Diese Strömung gelte es zu stärken und gleichzeitig alle Formen des orthodoxen Islams abzulehnen, in dem das Wort Gottes als unbestreitbares Gesetz und Recht gilt.

Hamed Abdel-Samad will an diesem Abend wachrütteln. Er möchte die gläubigen Muslime dazu ermuntern, sich kritisch mit ihrer eigenen Religion zu befassen. Den Kult um die Figur Mohamed zu hinterfragen. Und den Koran als ein Werk zu lesen, das im 7.Jahrhundert  unter dem Einfluss von Kriegs- und Beutezügen entstanden ist und dessen Gewissheiten, Rollenbilder und Implikationen für das Alltagsleben noch einmal überprüft werden sollten.

 

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2 Kommentare zu „Wie Abdel-Samad mit Mohamed abrechnet

  1. Lieber Alex, ich mag deinen Schreibstil sehr gerne 🙂 Hast du deine eigene Wahrnehmung der Veranstaltung bewusst ausgelassen? Deine eigene Einschätzung wäre sehr interessant 😉 Spannend wäre auch zu wissen, wie die Stimmung während der Lesung war und wie die eventuellen Diskussionen danach verlaufen sind! Liebe Grüße!

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    1. Vielen Dank für den Kommentar! Die Stimmung war geteilt: Auf der einen Seite gab es gläubige Muslime, die Abdel-Samad und seine Kritik für unverschämt hielten. Sie warfen ihm vor, bewusst nur Mohamed Überlieferungen zu verwenden und zitieren, die in sein Bild des gekränkten Kriegsherrn passten. In vielen Teilen der muslimischen Glaubensgemeinschaft gilt Mohamed als spirituelle Leitfigur. Auch wenn Abdel-Samad bewusst zuspitzt, scheint seine Botschaft vernünftig: Die spirituelle Kraft des Islam in die heutige Zeit zu überführen, jedoch den Absolutheitsanspruch mitsamt der Verehrung um Mohamed im Medina des 7.Jahrhunderts zu begraben. So kann die destruktive Energie, die durchaus von einigen Teilen des Islams ausgeht, abgewendet werden. Es ist demzufolge ein Richtungskampf über die Deutungshoheit einer Weltreligion- und diese Debatte ist aus meiner Sicht elementar. Darüber hinaus gab es eine große Gruppe Nicht-Muslime im Publikum, die Abdel-Samads Mohamed-Kritik für ihre eigene Weltvorstellung, in der der Islam der Inbegriff des Bösen ist, aufgenommen haben. Leider kam es zu keinem wirklichen Austausch dieser beiden Gruppen, weil beide Seiten auf ihren engstirnigen Standpunkten beharren wollten. Dies zeigt, wie schwierig eine objektive Debatte über das Thema Islam generell ist.

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