Lebt der Geist der Französischen Revolution weiter?

Liberte‘, Egalite‘, Fraternite‘ – was ist aus den Idealen der Französischen Revolution geworden? George Danton, einer der vormals einflussreichsten französischen Revolutionäre neben Maximilien Robespierre, hat kurz nach seinem Todesurteil durch das Revolutionstribunal die Hoffnung gehabt, die Welt möge die wahren Errungenschaften der von ihm mit ins Leben gerufenen Bewegung niemals vergessen und sie fest in ihren Verfassungen verankern. Immerhin waren diese Ideale- Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit stark genug, eine ganze Nation in Aufruhr zu versetzen und tausende Menschen dafür zu gewinnen, ihr Leben für die Durchsetzung ihrer Interessen zu opfern. Niemals sollte der Geist, der Spirit der Revolution vergessen werden. Was ist im 21.Jahrhundert von dem Geist der Französischen Revolution geblieben?

Die Bürger sind für Freiheit, für Unabhängigkeit vom Adel und Klerus auf die Straße gegangen, haben das Ende von Privilegien für diese Klassen und ein gewisses Maß an Gleichheit in ihrer Gesellschaft gefordert. Die Ständegesellschaft scheint heutzutage überwunden, formal leben die Menschen in den westlichen Gesellschaften in einer Demokratie, die gleiche Rechte und Teilnahme für alle verspricht. Doch wie sieht es in der Realität aus? 

 
Was ist aus den Idealen der Revolution geworden?

Die vormaligen Standesklassen Adel, Klerus und Bürgertum scheinen abgelöst von der Einteilung in Superreiche, den Mittelstand und die von Armut bedrohten Menschen. Früher wurde diese Organisation der Gesellschaft, oder weniger euphemistisch ausgedrückt, diese organisierte Unterdrückung bestimmter Gruppen durch die Stände direkt ausgeübt. Der Ausdruck des Ungehorsams und die Ablehnung der vorherrschenden Verhältnisse bekamen ein Gesicht: Das Gesicht von König Ludwig XVI. Er wurde persönlich verantwortlich gemacht für die Missstände in der Gesellschaft, für die Ungerechtigkeiten, die dem Großteil der Bevölkerung wiederfahren sind. Der Adel wurde zunehmend zur Verkörperung des Bösen, zur Wurzel allen Unheils. Dieses bildliche, greifbare Feindbild ist für eine Massenbewegung wie der Französischen Revolution eine Grundvoraussetzung. 

Gesellschaftlicher Unmut braucht eine Projektionsfläche, auf der er sich entladen kann. Gemeinsam konnte auf die Beseitigung dieses offenbaren Missstandes hingearbeitet werden: Gemeinsam gegen König Ludwig, gemeinsam gegen die Privilegien des Adels. Im 21. Jahrhundert gibt es diese greifbare Projektionsfläche nicht mehr. Die gesellschaftliche Organisation wird nicht mehr direkt durch eine Personengruppe durchgesetzt, sondern vielmehr durch das System an sich gesichert. Der Feind des heutigen Klassenkampfes- soweit er überhaupt noch existiert- ist kein bildlich fassbarer Gegner mehr.  Der Gegner ist abstrakt geworden- es ist der Kapitalismus, der für die Ständegesellschaft im 21.Jahrhundert sorgt- nur dass diese nicht mehr Adel, Klerus und Bürgertum, sondern „Superreich“ und „von Armut bedroht“ heißt.
Die Französische Revolution hat sich im Laufe der Zeit zu einer Terrorherrschaft entwickelt, die aus ehemaligen Visionären mit dem Traum der gerechten Gesellschaft paranoide Diktatoren gemacht hat. Jedoch wäre es ein fataler Trugschluss anzunehmen, jede Revolution ende in einem unkontrollierbaren Disaster wie die unter der Führung von Robespierre. Selbst dieser hat noch in den Anfängen der Revolution zu bedenken gegeben, dass „kein Mensch die bewaffneten Missionare liebt“. Mit dem wachsenden Einfluss und der Macht der Jakobiner im späteren Verlauf der Revolution hat sich gleichzeitig ein realitätsferner Wahn bei ihnen ausgebildet, der die an sich erstrebenswerten Ziele der Revolution in den Schatten gestellt haben. Unvergessen sind Sätze von Robespierre wie „Die Tugend muss sich den Terror zu ihrem Komplizen machen, wenn die Menschen sich von ihr leiten lassen sollen“. Dass dieser Terror für viele Menschen mit dem Gang zur Guillotine endete, ist allgemein bekannt. 
Jedoch lässt sich der Grund für diese Entwicklung eher in der Machtkonzentration auf einen kleinen Personenkreis finden, der unkontrolliert seine Herrschaft und Vorstellung von Tugend durchsetzen konnte. Nicht die Verfolgung der Ideale von Gleichheit und Gerechtigkeit an sich führen zwangsläufig zu einem unterdrückerischen Regime, sondern die Konzentration von Macht in den Händen weniger. Die Zukunft bleibt uns bislang eine Antwort schuldig, wohin eine Revolution, die die Ideale der Französischen Revolution verfolgt und gleichzeitig die Prinzipien des Rechtsstaates akzeptiert, führen kann.
Sichtbare Anzeichen für die Notwendigkeit einer solchen Entwicklung gibt es reichlich. Die Schere zwischen Arm und Reich wächst nicht nur in den einzelnen Staaten Europas stetig weiter an. In Zeiten der internationalen Vernetzung, ergibt sich die Notwendigkeit einer globalen Betrachtungsweise. Aus diesem Blickwinkel erscheint die Spanne zwischen Arm und Reich noch größer, wenn man bedenkt, dass noch immer Menschen an Armut und Hunger sterben.
Unterschiedliche Reichtumsverhältnisse- insbesondere wenn sie stark ausgeprägt sind- bringen zwangsläufig eine Verschiebung von Macht- und Einflussverhältnissen in der Gesellschaft mit sich. Es ist kaum zu bestreiten, dass die Familien Klatten und Quandt mit ihren Großspenden an die Parteien einen erheblich größeren Einfluss auf politische Entscheidungsprozesse haben als herkömmliche Arbeiterfamilien. Organisationen wie Lobbycontrol berichten stetig vom wachsenden Einfluss einzelner Interessengruppen. Das gesellschaftliche Geschehen wird im Hintergrund noch immer von einer Minderheit gelenkt. 
Die einzigen Fortschritte im Vergleich mit dem Ständesystem aus dem 18.Jahrhundert ist die gewachsene Transparenz. Jeder Bürger hat Zugriff auf die Informationen über die Parteienfinanzierung. Doch was nützen diese Instrumente, wenn sie kein gesellschaftliches Bewusstsein für eine Schieflage in der Gesellschaft erzeugen? Vieles wird von der Gesellschaft wahrgenommen, macht sie jedoch nicht betroffen. Individuelle Betroffenheit ist jedoch eine Grundvoraussetzung, sich für eine bestimmte Sache einzusetzen und für einen Wandel einzutreten. Eine zunehmende Verwissenschaftlichung der öffentlichen Debatte gibt einer Mehrheit das Gefühl, vom Diskurs ausgeschlossen zu sein. Experten geben die Richtung vor, Handlungsalternativen werden nicht zur Abstimmung gestellt. Politik bleibt exklusives Recht der Befähigten, eine Parallele zu früheren Systemen der Aristokratie ( der Herrschaft der Besten) oder der heute zutreffenderen Technokratie scheint unübersehbar.
Ist es das Abbild der Gesellschaft, für die die französischen Revolutionäre eingetreten sind? Die aktuellen Entwicklungen deuten eher daraufhin, dass sich die moderne Gesellschaft von den Idealen der Brüderlichkeit und Gleichheit immer weiter entfernt. Stattdessen werden diese Ideale abgelöst durch Individualisierung und Ungleichheit. Dennoch lassen sich Anzeichen für Gemeinsamkeiten mit der Französischen Revolution finden. Die jüngsten Entwicklungen in Griechenland und Spanien haben gezeigt, dass die Gesellschaft nur ein bestimmtes Maß an Ungleichheit zu akzeptieren bereit ist. Kombiniert mit der Personifizierung des Unmuts in dem Expertengremium der Troika, wurde ein Schuldiger für die Missstände ausgemacht. Das erste Mal seit Jahren in der europäischen Geschichte hat sich wieder eine gesellschaftliche Bewegung formiert, die sich als Klasse im Kampf gegen eine Elite versteht. Eine Klasse, die durch das Band der Verzweiflung zusammengehalten wird und für einen gemeinsamen Zweck einsteht; die Ablösung des korrupten Regimes und das Ende der fremdbestimmten Politik der Troika. 
Der Geist der Revolution scheint also noch immer weiterzuleben, nur wird er verdeckt von den vorherrschenden gesellschaftlichen Verhältnissen. Nur wenn ein Abrutschen ins Extreme- extreme Armut, Ungleichheit oder persönliche Not- bevorsteht, kommt er wieder zum Vorschein. Die moderne Gesellschaft sollte es nicht erst immer zu Krisen und zum Abdriften ins Extreme kommen lassen, um zu überprüfen, welche Errungenschaften und Fortschritte die Moderne bisher tatsächlich gebracht hat. Es bedarf nur des Gebrauchs des eigenen Verstands und dem Einsatz der Vernunft um zu erkennen, dass in puncto Gleichheit in der Gesellschaft noch enormer Nachholbedarf besteht.
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