Wie der Westen dem IS in die Karten spielt

 

Viel wurde in den vergangenen Wochen über die bis dato ungekannte Brutalität und die menschenverachtende Grausamkeit des Islamischen Staates berichtet. Feige und irrational seien diese Selbstmordattentate, hieß es von sichtlich betroffenen Politikern. Die schnelle und vor allem entschlossene Reaktion der westlichen Allianz im Kampf gegen den Terrorismus folgte prompt-mit koordinierten Luftschlägen soll ein deutliches Zeichen der Vergeltung gesetzt werden. Doch diese gemeinsame Reaktion ist fatal- sie signalisiert dem Islamischen Staat, dass er als ernstzunehmender Gegner des Westens anerkannt und gefürchtet wird: Ein Etappensieg, den sich die Strategen in ihren wahnsinnigen Zukunftsvisionen nicht besser hätten ausmalen können. US-Präsident Obama richtete sich gar in einer Fernsehansprache direkt an den IS und betonte seine Entschlossenheit, die Terroristen „zu vernichten“. Eine maßlose Aufwertung für einen „Feind“, dessen Truppenstärke auf 30.000 bewaffnete Kämpfer geschätz wird- ein Vergleich mit der US- Armee, die über weit mehr als eine Million aktive Soldaten umfasst, scheint nicht nur aufgrund der Zahlenverhältnisse unangebracht. Doch wie schafft es der IS, die gesamte westliche Welt in Aufruhr zu halten?

 

IS-Psychologie: Realitätsferner Narzissmus

IS-Anführer Al-Baghdadi    Bildquelle: Spiegel Online

Der Islamismusforscher Felix Riedel sieht in der Reaktion des Westens und seiner Dämonisierung des Islamischen Staates die Gefahr, dass der IS durch dieses Vorgehen nicht geschwächt, sondern gestärkt hervorgehen wird. Er analysiert die islamistische Organisation aus psychoanalytischer Sichtweise, und identifiziert einen überschwinglichen Narzissmus als treibende Antriebskraft der ideologischen Kämpfer. In zahlreichen Propagandavideos berichten Kämpfer von einem „unbeschreiblichen Hochgefühl“, das sich in ihnen ausbreitet, wenn sie sich für den Islamischen Staat einsetzen. Dieses Hochgefühl gepaart mit der Überzeugung, zu einer geistlichen Elite zu gehören, die den wahren Willen Allahs durchsetzt, befördert die Islamisten in einen Zustand der geistigen Trance.

Verstärkt wird diese Tendenz durch die Unterdrückung angeborener Triebe wie der Sexualität- nach eigenen Angaben würden diese nur von der „wahren Mission“ ablenken. Nach der Freud´schen Psychoanalyse kann die Verdrängung von menschlichen Trieben in der langen Sicht zu einer überproportionalen Ausprägung des Narzissmus führen, und so ein realitätsfernes Gefühl der Überlegenheit und des Hochgefühls erzeugen. Nach dem ideologischen Verständnis des IS werden somit alle verwerflichen, niederen Eigenschaften des Menschen abgelegt und befördert sie in die religiöse Eliteklasse, eindeutig abgegrenzt von den Käfir (Ungläubigen) und den Schirks (nicht vollwertig Gläubigen).  Wenn der IS also nun ein Sammelbecken von realitätsfernen Narzissten bildet, muss die Reaktion des Westens und die mit der Dämonisierung des Terrors einhergehende Aufwertung der Terrororganisation eine willkommene Würdigung für die Islamisten sein.

Anerkennung und Wertschätzung sind für den Narzissten die wohltuende Bestärkung in seinem Handeln. Aus diesem Blickwinkel scheint die westliche Reaktion auf die Terroranschläge des IS fatal- und liefert ihm neue Argumente für die Rekrutierung neuer Anhänger, die sich fortan einer Organisation anschließen, die vom ganzen Westen „gefürchtet“ wird. Doch nicht nur die Anerkennung und Inszenierung als gefürchteter Gegner auf internationaler Bühne befeuert die islamistische Propaganda, auch der vom Westen angeführte Luftkrieg an sich bestärkt die Fanatiker in ihren Fundamenten. Durch die Drohneneinsätze entsteht in der betroffenen zivilen Bevölkerung das Bild eines sadistischen Über-Ichs, das vermeintlich unbegrenzt und losgelöst von jeglichem internationalen Recht Syrien und den Irak bombardiert.

Die Islamisten deuten das Handeln des Westens als Angriff auf die Gesamtheit der Muslime und schüren so zusätzlich den Hass vieler Menschen auf den Feind aus dem Westen. Die vielen zivilen Opfer der Luftangriffe fördern diese Propaganda, insbesondere wenn diese in den westlichen Medien als  „Kollateralschäden“ abgetan werden und offizielle Statistiken von Zivilopfern bewusst nicht in die Öffentlichkeit gelangen. Statt sich solidarisch mit der at-risk-society zu zeigen und die syrische sowie irakische Zivilbevölkerung vor dem Islamischen Staat durch Bodentruppen zu schützen, inszeniert sich der Westen mit seinen Drohnenangriffen als übermächtige Weltmacht, der nicht viel an dem Wohlergehen der einheimischen Bevölkerung gelegen ist.

Koran als Ursprung radikaler Ideologie?

Der Salafismus als ultrakonservative Strömung des Islam zielt auf die geistige Rückbesinnung der „frommen Vorgänger“ ab und erkennt die Scharia als geltende Rechtsordnung einer jeden islamischen Gesellschaft an. Der oftmals vorgebrachte Verweis, die Praktiken des Islamismischen Staates beruhen nicht auf dem Koran und der islamischen Lehre, greift angesichts der zunehmenden Verbreitung des Salafismus- insbesondere in vielen afrikanischen Staaten- zu kurz: Angesichts dieser Entwicklung ist eine neue Selbstreflexion und die Etablierung eines an die Moderne angepassten Selbstverständnisses von den Muslimen dringend notwendig. Ohne diese klärende Aufarbeitung wird der Ideologie des IS und der in ihr zentral propagierten Spaltung von Muslimen und Nicht-Muslimen neuer Nährboden bereitet.
In der entschlossenen und glaubwürdigen Verweigerung dieser Polarisierung würde dem IS ein entscheidendes Argument genommen werden, den heiligen Krieg weiter anzupreisen und als unumgänglich darzustellen. Die Welt im 21. Jahrhundert ist längst nicht mehr nur schwarz und weiß, oder in gläubig und ungläubig einzuteilen, so wie es die Islamisten ihren Sympathisanten glauben machen wollen. Doch für diese ideologische Gegenwehr und Rückgewinnung der Deutungshoheit braucht es eine eindeutige und vor allem geschlossene Stellungnahme der moderaten Strömungen des Islams. Diese kann nur durch einen kritischen Prozess der Selbstreflexion erfolgen. Der Koran bietet durchaus Inhalte, die einer extremen Ideologie Nährboden bieten können.
Entscheidend geprägt von einer Zeit der Expansion und des militärischen Sieges, wurde der Koran als Kern der Religion und als ewige Wahrheit etabliert. Er gibt einen Verhaltenskodex für die Gläubigen vor, der sich vor allem durch das stilistische Mittel der Zirkularität auszeichnet: Immer wiederkehrende Satzanfänge und Satzenden entfalten eine beinah hypnotische Wirkung für den Leser und lassen die eigentliche Botschaft in den Hintergrund treten. Bestimmte Leitprinzipien wie die Bestrafung der Ungläubigen und deren qualvoller Verbannung in die Hölle, sowie dem ständigen Wechselspiel zwischen Sadismus (Bestrafung für Fehlverhalten) und Narzissmus (Lobpreisung der Ideologie) werden verfestigt und zu nicht hinterfragten Grundüberzeugungen. Mit der unreflektierten Lehre des Korans lassen sich Gläubige zu Extremisten verformen. In der nahen Zukunft liegt es in der Verantwortung der moderaten Muslime, die Deutungshoheit über ihre Religion zurückzugewinnen und die Vereinbarkeit von bestimmten Grundsätzen mit der Moderne zu überprüfen. Die islamische Gemeinschaft muss zeigen, dass der Kern ihrer Religion nicht die Spaltung und der Kampf gegen die Ungläubigen ist, anderenfalls werden die Spannungen zwischen den zwei Kulturkreisen weiter zunehmen.
Einen entscheidenden Schritt zur Bekämpfung der radikalen Ideologie des IS können die Muslime nur selbst voranbringen; einen zweiten gleichsam bedeutenden Schritt hat der Westen zu leisten. Er muss das Vertrauen der Menschen im Nahen Osten nach den katastrophalen Einsätzen im Irak und in Afghanistan zurückgewinnen und verdeutlichen, ihnen auf dem Weg im Kampf gegen die Diktatoren unterstützend, aber nicht lenkend beiseite zu stehen. Diese Rückgewinnung der Glaubwürdigkeit wird nicht durch zerstörende Luftangriffe erreicht, sondern durch den schützenden Einsatz von Bodentruppen und der Zusammenarbeit mit der Zivilbevölkerung. Die derzeitige Strategie des Westens läuft auf das Gegenteil hinaus: Die Kooperation mit Baschar Al-Assad und der zerstörerische Kriegseinsatz werden der historischen Verantwortung des Westens nicht gerecht und bieten dem Islamischen Staat weitere Argumente, das „Feindbild Westen“ zu verbreiten und den „heiligen Krieg“ zu proklamieren.

 

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Ein Kommentar zu „Wie der Westen dem IS in die Karten spielt

  1. Praktisch gesehen lässt sich die Bedrohung in zwei Komponenten spalten
    A/ die islamistischen Terroranschläge im Westen
    B/ das existierende Staatsgebilde in Syrien und Irak
    In der Argumentation kommen die realen Attentate, wie zuletzt in Paris, zu kurz. Wenn wir die Da'esh Angriffe im geografischen Umfeld weglassen, haben wir es mit Tätern zu tun, die im Westen sozialisiert wurden. Lonely wolves oder ausbebildete Rückkehrer spielt dabei keine Rolle. Durch die Bank sind es Underdogs und Kleinkriminelle, der Bodensatz unserer Gesellschaft. Ihre Konvertierung erfolgte homegrown, im Freundeskreis oder im Knast. Korankenntnisse sind Versatzstücke.
    Belehrungen durch moslemische „Würdenträger“ dringen nicht durch. Der Salafismus akzeptiert keinerlei konfessionelle Interpretationen als Nebenbuhler, weder Schiiten, noch Liberale, nicht einmal den saudischen Wahhabismsus, sondern nur das „Kalifat“.
    Einer der wenigen Ansätze ist das „Märtyrertum“ in Zweifel zu ziehen. Selbstmordattentate sind eine zentrale Taktik des Da'esh. Vielen Dschihad-Touristen ist nicht ganz bewusst. Sie werden sterben, sinnlos sterben.

    Plan B/ steht auf einem anderen Blatt. Die Sitaution in der Region ist politisch ausgesprochen komplex. Vieles spricht aber dafür, dass das real existierende Kalifat Teilfunktionen eines Staates hat. Daèsh führt nicht nur Krieg. Sein Anspruch ist, sich um sozialen Belange seiner Bewohner zu kümmern. Dieser Anspruch bedeutet ein Wechselbad zwischen Disziplin und politischem Management. Sunniticher Stämme stützen das Kalifat, die Minderheit der zugereisten Idealisten bildet nicht die soziale Basis.
    Eine Option wäre Verhandlungen aufzunehmen. Das Angebot kann sein, ein „Sunnistan“, wo Da'esh seine Vorstellung von idealen islamischen Staat umsetzen könnte. Ein teil-autonomes Gebiet, ähnlich dem Teilstaat der irakischen Kurden. Das zieht bislang niemand ernsthaft in Betracht.
    Andere Vorschläge für eine Nachkriegslösung gibt es ansonsten wenige.

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