Warum uns die Flüchtlingskrise wirklich spaltet

Die Quelle von Hass und Neid

 

„Ich glaube nicht, dass die Menschen uns Flüchtlinge wirklich hassen. Sie sind unzufrieden mit der momentanen Lage“. Dieser Satz von Mosaab, dem Flüchtlingsjungen, dessen Geschichte ich im Artikel „Flüchtling für einen Moment“ vor wenigen Wochen veröffentlicht habe, beschreibt die Hintergründe der aktuell angespannten Situation mit wenigen Worten. Der Rechtsruck, den die Gesellschaft momentan erfährt, die abscheulichen Meldungen über den Hass, den einige Flüchtlinge hier erfahren und die unbeholfenen Versuche der Politiker, die Lage irgendwie in den Griff zu bekommen sind nur die Symptome eines viel tiefer in der Gesellschaft verwurzelten Problems: Die eigentliche Ursache liegt in ihr selbst, in ihrer Festlegung auf ihren individualistischen Charakter, in ihrer Verdrängung der Gemeinschaft aus dem öffentlichen Raum und der uneingeschränkten Fokussierung auf den sich selbst verwirklichenden Menschen. Gesellschaft wird nicht aus der in ihr lebenden Menschen, sondern von den äußeren Verhältnissen geformt. Diese werden in der heutigen Zeit bestimmt durch den Kapitalismus, ein System, das von rationalen, individuellen Einzelkämpfern genauso lebt wie von der Ausbeutung des Schwächeren, um dem Stärkeren Reichtum zu bescheren. Ein System, das unsere Gesellschaft in den vergangenen Jahren maßgeblich geprägt hat.

 

Kapitalismus, die Herrschaft des Kapitals über Arbeit und Boden, hat 75% des Gesamtvermögens in Europa in den Besitz der reichsten 10% der Bevölkerung verteilt. Kapitalismus, das Streben nach unendlicher Kapitalvermehrung und Gewinnmaximierung, hat den Markt- und somit den Wettbewerb- als zentrales Verteilungsmedium festgelegt und als gesellschaftliche Norm etabliert. In der Gesellschaft haben „Leistungsprinzip“ und „Eigenverantwortung“ zu einer Ellenbogenmentalität nicht nur im Arbeitsalltag, sondern auch in den zwischenmenschlichen Beziehungen geführt; kurz: Der Kapitalismus ist nicht nur ein Wirtschafts- sondern auch ein Gesellschaftssystem. Doch im Angesicht der großen Anzahl der nach Europa drängenden Flüchtlinge werden diese über Jahrzehnte etablierten Verhaltensweisen auf den Kopf gestellt.

Humanitäre Hilfe von den vielen Freiwilligen in Deutschland

Eigentumswohnungen werden beschlagnahmt, um Notunterkünfte einzurichten. Freiwillige Helfer investieren ihre Zeit, um sich um die Flüchtlinge zu kümmern. Viele Menschen spenden Nahrung und Kleidung für die Geflüchteten- es entsteht eine Willkommenskultur, die nicht mit Geld oder Rendite vergütet wird, sondern mit Gemeinschaftsgefühl und Solidarität. Es erwächst im Innern unserer Gesellschaft eine Bewegung, deren Wertschöpfung nicht mit Geld gemessen werden kann. Es ist im Kleinen der Prototyp einer Gesellschaft, die auf gänzlich anderen Werten basiert als die vorherrschende: Auf Solidarität, statt auf Ausbeutung. Auf Kooperation, statt Wettbewerb. Und auf Gemeinschaft, statt auf Individuen. Lässt sich dieses Modell auch für die gesamte Gesellschaft denken? Ist es vielleicht gar an der Zeit, grundlegende Konventionen wie Privateigentum, lohnabhängige Beschäftigung und den fortwährenden Trend der Privatisierung von Produktion zu hinterfragen? Übervorteilt dieses System die Privilegierten und setzt Rahmenbedingungen, die den Großteil der Bevölkerung bewusst vom Aufbau von Vermögen ausschließt und so die Diskrepanz zwischen Arm und Reich weiter wachsen lässt?

Wenn man den Ausführungen von Thomas Piketty im Kapital des 21.Jahrhunderts Glauben schenkt, ist es genau diese soziale Ungleichheit, die den Kapitalismus in seinen Fragmenten innerlich aufzehrt. Bereits Karl Marx hat in seiner Abhandlung des Kapitals thematisiert, dass die Gesellschaft die Produktionsbedingungen des Kapitalismus als Naturgesetz hinnimmt und die Möglichkeit, dass andere Systeme möglich sind, nicht wahrnimmt. Als „Warenfetischismus“ bezeichnet er die naive Auffassung, dass alle produzierten Güter zwangsläufig zur Ware gemacht und mit einem Preis etikettiert werden.

 

An der Schnittstelle zur Utopie

 

Dieses verengte Blickfeld auf die gesellschaftlichen Verhältnisse wird durch die neoliberale Ideologie verstärkt- sie impliziert, dass jegliche Verteilungs- und Produktionsangelegenheiten auf rein „technischer“ Ebene zu betrachten sind und „Naturgesetzen“ folgen. Doch ein System, das durch individuelle Gier und Ehrgeiz motiviert ist, muss zwangsläufig zu einer Aufteilung der Gesellschaft in mindestens zwei Klassen führen: die der Ausgebeuteten, und die der Privilegierten.  Da dieses „liberale“ System auf dem Leistungsprinzip basiert und in der Theorie jedes Individuum mit seinen Entscheidungen sein eigenes Schicksal bestimmt, impliziert es den Verlierern dieser Gesellschaft ihr individuelles Versagen und lässt keinen Zweifel daran aufkommen, dass nicht dieses Gesellschaftssystem Verlierer und Gewinner produziert, sondern dies allein durch die handelnden Akteure selbst verursacht wird.
Durch diese verzehrte Wahrnehmung wird verschleiert, dass die Zwiespaltung der Gesellschaft –in die Klasse der Besitzenden und der Besitzlosen- eine Grundvoraussetzung für den Kapitalismus ist. Häufig wird von den Befürwortern dieses Systems argumentiert, dass die Haupterrungenschaft maximale individuelle Freiheit sei. In der Tat sind die Menschen der heutigen Zeit individuell frei- jedoch auch frei von jeglichen Produktionsmitteln, was im Umkehrschluss den Zwang mit sich bringt, die eigene Arbeitskraft zum Markte zu tragen, um sich ein Existenzrecht in dieser Gesellschaft zu erwirtschaften. Ist die heutige Gesellschaft also gar nicht so frei, wie sie von sich behauptet? Wie frei kann eine Gesellschaft sein, wenn sie diesen neoliberalen Schleier der gesellschaftlichen Naturgesetze abwirft?

 

Dieses Mär der individuellen Verantwortung für die eigene Situation kombiniert mit der theoretischen Legitimierung dieser Prozesse durch „Naturgesetze“ führt dazu, dass die erzeugte gesellschaftliche Ungleichheit toleriert und der Blick auf ein Zusammenleben jenseits des Individualismus verwehrt wird. Darüber hinaus führt die Tatsache, dass die überwältigende Mehrheit der Bevölkerung aus lohnabhängiger Beschäftigung ihren Lebensunterhalt bezieht dazu, dass den Betroffenen aufgrund von Zeitmangel jegliches Bewusstsein dafür fehlt, dass sich ihre Klasse in der Mehrheit und die der Privilegierten in der Minderheit befindet. Von diesem Standpunkt aus wären Utopien, die den status quo kritisch hinterfragen, mehrheitsfähig. So verheerend wie die aktuelle Flüchtlingskrise für die einzelnen Menschen sein mag- sie bietet das Potential für die Gesellschaft, ihre festgefahrenen Werte und Normen zu reflektieren und die grundlegenden Fragestellungen des Zusammenlebens neu auszuloten.

Es ist an der Zeit, in einem breiten Diskussionsforum neue Formen des Zusammenlebens als Alternativen zum Kapitalismus zu diskutieren, der uns in immer kürzeren Zeitabständen neue Argumente für den notwendigen Wandel liefert. Eine Utopie bleibt für die Ewigkeit nur eine Utopie, so lange eine Gesellschaft nicht den Mut zur Veränderung aufbringt und aus dem theoretischen Gedankenkonstrukt einen Prozess anstößt, der nach und nach aus der Utopie Realität werden lässt, denn: „Die Philosophen haben die Welt nur verschieden interpretiert, es kommt aber darauf an, sie zu verändern“ , wie Karl Marx in seinen Thesen über Feuerbach postuliert hat. Die Philosophie kann Utopien und Gedankenexperimente kreiren, die dem gesellschaftlichen status quo kritisch gegenüberstehen und neue Denkweisen eröffnen, die ein neues Ziel verfolgen: Weg von der Fixierung auf das Kapital und hin zu einer Gesellschaft, in der die Menschen wieder im Zentrum des Handelns stehen.

 

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3 Kommentare zu „Warum uns die Flüchtlingskrise wirklich spaltet

  1. Deinen Ausführungen zum Kapitalismus kann ich nur zustimmen. Ich finde deine Erklärungen sehr plausibel und verständlich. Was mir hingegen unverständlich ist, das ist die Tatsache, dass unser kapitalistisches System trotz der bekannten Nachteile doch immer noch so große Zustimmung findet. Initiativen wie die Transition-Town-Bewegung geben zum Glück Anstöße. Es bilden sich in verschiedenen Städten Reparaturcafés oder urbane Gemeinschaftsgärten, die eben genau darauf abzielen: den Sinn für die Gemeinschaft zu stärken und das Konkurrenzdenken zu unterwandern. Es stimmt schon: Kapitalismus basiert auf Ausbeutung – (übertriebener) Reichtum ist nicht möglich, ohne andererseits die Armut zu fördern. Eine friedliche Welt kann nur eine Welt ohne Ausbeutung (der menschlichen Arbeitskraft und natürlichen Ressourcen) sein.

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    1. Sehr interessanter Einwurf Torsten – ich denke, es gibt dafür grundsätzlich zwei Erklärungsansätze:

      1) Das kapitalistische System ist in sich rational; dh. was für das Individuum rational erscheint (Erwerbsarbeit nachzugehen etc.) stützt das System als Ganzes. Auch wenn es gesellschaftlich unerwünschte Folgen mit sich bringt. Die von dir angesprochene Transition – Town – Bewegung und Repair Cafes würden sicherlich größeren Zulauf verzeichnen, wenn den Menschen schlichtweg mehr freie Zeitressourcen zur Verfügung stehen würden. Großen Erfolg können diese Modelle m.E. nur erreichen, wenn sie in Kombination mit weiteren Maßnahmen gedacht werden (Bedingungsloses Grundeinkommen .. )

      2) Der Status – quo ist für den Moment das bequemste aller Modelle – ein langwieriger Prozess der Systemveränderung würde das aktive Zusteuern vieler Menschen verlangen. Zudem übersteigt der Gedanke daran, eine Utopie könne Realität werden, schlichtweg den kreativen Gedankenhorizont einer Mehrheit der Gesellschaft.

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      1. 1) Ja, bedingungsloses Grundeinkommen, alternative Währungen und andere Dinge kommen bei Transition tatsächlich zur Sprache. Ich stimme dir zu, dass Reparaturcafés alleine keinen gesellschaftlichen Umbruch auslösen können – aber sie sind ein erster Anstoß. Dort können ja Menschen, die sowieso schon im Regelfall eine eher gesellschaftskritische Haltung einnehmen, gut ins Gespräch kommen, wodurch sich möglicherweise hier und da weitere Kooperationen ergeben könnten. Meine Erfahrungen sind jedenfalls, dass wenn man Menschen auf bestimmte Dinge anspricht, wie Plastikvermeidung, urbane Gärten, Upcycling usw., sie oftmals sehr offen sind und von so was schon mal was gehört haben.
        Ich denke nur, ein erhobener Zeigefinger ist fehl am Platz und schreckt nur ab. Wenn man aber betont, dass alles ja Spaß und Freude machen soll, dann erlebt man eigentlich nie, dass jemand einen als Spinner tituliert. In den 1970er Jahren war das noch anders. Da musste ich als damals noch sehr junger Bursche mir Sprüche drücken lassen, etwa wegen geflickter Jeans oder dem Atomkraft-nein-danke-Button an meinem Parka.

        2) Bequemlichkeit – das ist ein wichtiger Aspekt. Menschen verlassen nicht gern ihr kuscheliges Nest und nehmen ungern Anstrengungen auf sich, außer vielleicht zum Erreichen sehr eigennütziger Ziele. Warum kaufen Konsumenten Kaffeekapseln und die dazugehörigen Maschinen und bezahlen drei Mal so viel wie für herkömmlichen Kaffee? Ich kann mir nur denken, dass sie es als bequemer empfinden, als mit der Schöpfkelle Kaffee in einen Papierfilter zu füllen (?!).
        Utopien erscheinen den meisten Menschen wahrscheinlich tatsächlich als undurchführbarer Quatsch. Aber ich denke auch, die Menschen sind von Politik, Massenmedien und nicht zuletzt Großkonzernen schon derart in einen Dämmerzustand versetzt worden, dass sie „nichts mehr merken“ – oder wenn doch, einfach nicht ihr Gehirn anstrengen mögen, und schon gar nicht entsprechende Handlungskonsequenzen aus den Überlegungen ableiten wollen.

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