Auge um Auge – Zahn um Zahn?

Laut sind die Rufe aus nahezu allen politischen Ecken nach „Vergeltung“, es ist die Rede von „Krieg“ und „Ausnahmezustand“. Die Menschen sehnen sich nach den Anschlägen von Paris nach Ordnung und Sicherheit- die Frage ist nun, welche Antwort wir als freie Gesellschaft dem brutalen Terror der Gotteskrieger entgegenzusetzen haben. Die herkömmlichen Mittel- diplomatisches Verhandlungsgeschick, Appelle an die Vernunft oder das Hoffen auf einen für alle Seiten befriedigenden Kompromiss- fallen als Handlungsoptionen aus. Wie soll die freie Gesellschaft nun auf die offenkundige Verwundung, auf die Erschütterung ihrer Grundwerte reagieren?

Zwischen Verzweiflung und Handlungsnot

Die „Stadt der Liebe“ befindet sich im Schockzustand

Naheliegend ist es, sich dem Tenor des Mainstreams anzuschließen und in die Rufe nach Vergeltung einzustimmen. Sich für den „Kampf gegen den Terror“ auszusprechen und unsere Freiheit mit allen nötigen Mitteln gegen die Feinde zu verteidigen. Viele bekannte Stimmen fordern, „die Mitte unserer Gesellschaft müsse sich radikalisieren“ um der zukünftigen Bedrohung entschlossen entgegenzutreten. Doch lassen wir diese Kriegsrhetorik für einen Moment wirken und überlegen mit klarem Kopf, wohin diese Forderungen führen werden und ob sie tatsächlich geeignet sind, den dschihadistischen Terror einzudämmen. Oder ob nicht vielmehr nur gegen die Symptome angekämpft und die Ursache außen vor gelassen wird.

Ein mögliches Szenario nach den Geschehnissen in Paris wäre, eine internationale Koalition aus Streitkräften zu bilden, die gezielte Vergeltungsschläge auf die Drahtzieher und die wichtigsten Denker des Islamischen Staates vorbereitet und durchführt. Mit Luftangriffen und Drohneneinsätzen werden Einrichtungen zerbombt, in denen man Ausbildungslager und Waffenbestände vermutet. Die Koalition begreift sich als Weltpolizei, als Bewahrer der Freiheit in den Krisengebieten. Dies genügt als Legitimation, Tötungen und Zerstörungen losgelöst von jeglichem internationalen Recht vorzunehmen. Selbst Staaten, die sich nicht aktiv an diesen Taten beteiligen, signalisieren durch ihre Duldung der Geschehnisse insgeheim ihre Zustimmung. Es kommt zu einer Spirale der Gewalt- der IS nimmt jeden einzelnen Einschlag einer Bombe oder Drohne auf fremdem Hoheitsgebiet als Argument, den „Heiligen Krieg“ in allen der an der Koalition beteiligten Länder auszurufen.
Im besten Fall gelingt es den internationalen Streitkräften, Einflusspersonen und radikale Denker des IS auszuschalten. Was bleibt sind leere Erfolgsmeldungen der Einsätze in den westlichen Medien. In den Krisengebieten bleibt vor allem eines: eine sich immer weiter radikalisierende Ideologie. Eine Ideologie kann nicht durch Waffengewalt oder militärische Einsätze besiegt werden. Eine Ideologie lebt selbst weiter, wenn ihre entscheidenden Denker und Prediger nicht mehr unter uns sind. Wie sind die lauten Rufe nach Vergeltung und dem „Kampf“ gegen den Heiligen Krieg also zu bewerten? Die verständliche Sehnsucht nach Sicherheit und Ordnung darf nicht in einer Vergeltungsschlacht enden, deren Ausgang völlig ungewiss ist. Es würden nur die Symptome, nicht aber die Ursachen der eigentlichen Gefahr bekämpft. Die Ursache ist eine lebensverneinende, menschenverachtende Ideologie, die langfristig nicht mit Waffengewalt bekämpft werden kann.

Die Ursachen bekämpfen-nicht die Symptome

 

Die ersten Erkenntnisse über die Lebensumstände und die Herkunft der Attentäter geben schon eher Aufschluss über eine Strategie, den Extremismus zu bekämpfen. Der französische Terrorist Ismael Omar Mostefai wurde in einem sozial schwachen Vorort von Paris geboren. Seine Lebensumstände zeichnen das Bild vieler junger Männer, die sich für den Heiligen Krieg radikalisieren lassen: Perspektivlosigkeit und das Gefühl, von der Gesellschaft abgehängt worden zu sein. Entwickelt sich diese Kombination von Emotionen über einen genügend langen Zeitraum, entsteht eine Ablehnung und im schlimmsten Fall ein Hass auf die eigene Gesellschaft, in der man selbst keinerlei Chancen oder Perspektiven geboten bekommt. Ähnlich wie Mostefai wird es tausenden anderen Islamisten aus Syrien, dem Irak oder Afghanistan gehen. Menschen, die in sogenannten „failed states“ aufwachsen, in einem gesellschaftlichen Chaos, das keinerlei Ordnung oder Sicherheit zu bieten hat. Und an diesem Punkt kommt der Glaube ins Spiel- das erste Gefühl von Zugehörigkeit, von Geborgenheit breitet sich aus. Die betroffenen Personen werden bereit, immer mehr für diese neue Gemeinschaft zu opfern. Die Konturen des neuen Weltbildes werden immer deutlicher: „Wir“ befinden uns im Kampf gegen „die“.

 

Welche Schlüsse ergeben sich nun aus dieser Betrachtung? Um die Gefahr im Kern zu ersticken, braucht es aktive Einmischung und Solidarität des Westens mit dem Ziel des Wiederaufbaus von funktionierenden Gesellschaften in den Krisengebieten. Diese „aktive Einmischung“ ist keineswegs von militärischer Natur- nein, vielmehr in der Form von Politikberatung und NGO´s, die gemeinsam mit der ansässigen Zivilbevölkerung wieder ein System aufbauen, das lebensfähig ist. Und vor allem ein System, das lebenswert ist. Nur so kann dem Islamischen Staat der Boden entzogen werden, immer neue Anhänger zu gewinnen, die de facto nur aufgrund von individueller Perspektivlosigkeit in die Arme dieser radikalen Fänger hineinlaufen. Vor dem Hintergrund, dass die westliche Gesellschaft mit den Militäreinsätzen in Afghanistan, im Irak und nun in Syrien ganze Bevölkerungen einfach im Chaos zurücklässt und bereits zurückgelassen hat, scheint die moralische Verantwortung, in dieser angespannten Situation nicht noch einmal dieselben Fehler zu begehen, umso höher. Bleibt zu hoffen, dass sich die Geschichte zumindest dieses Mal nicht wiederholen möge.
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