Flüchtling für einen Moment

Ich treffe Mosaab in einem kleinen Cafe in der Nähe von Rotterdam. Doch wie beginnt man ein Gespräch mit einem jungen Mann, der vor wenigen Tagen noch vor Krieg und Terror geflohen ist? Geboren und aufgewachsen in der syrischen Kleinstadt Banias, lebt Mosaab das Leben eines ganz normalen Jungen, der von seiner Familie eine behütete Kindheit geschenkt bekommt. Als Heranwachsender entscheidet er sich, gemeinsam mit seiner Familie in die Hauptstadt, nach Aleppo zu ziehen und dort sein Englischstudium zu beginnen. In Aleppo trifft er auch seine Verlobte, gemeinsam werden Pläne für die Zukunft geschmieden. Doch im Frühjahr 2011 sollte sich alles verändern. 

Beginn einer Revolution

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„Alles begann mit einer ganz normalen Bürgerdemonstration in Darayya“, erinnert sich Mosaab. Die Demonstrationen schwappen über auf andere Städte, plötzlich liegt ein revolutionärer Geist in der Luft und mobilisiert mehr und mehr Syrer, für ihre Bürgerrechte und für Demokratie auf die Straße zu gehen. „Ich fand die Idee einer Revolution, ausgehend von dem syrischen Volk, überaus spannend“, beschreibt Mosaab seine ersten Eindrücke der aufkeimenden Revolution. Präsident Assad habe die Bevölkerung jahrelang unterdrückt, ihnen keinerlei Mitbestimmungsrechte eingeräumt. „Wir haben nicht einmal daran gedacht, Assad öffentlich zu kritisieren. Alle waren korrupt“. Die weit verbreitete Ehrfurcht vor staatlicher Willkür hat die Menschen bis dato davon abgehalten, öffentliche Debatten über das gesellschaftliche Zusammenleben zu führen, oder gar Kritik am autoritären Führungsstil von Baschar Al-Assad vorzubringen. Doch mit zunehmender Kriminalität und Korruption, sowie dem allgemeinen Gefühl der Unsicherheit stieg die Bereitschaft, etwas verändern zu wollen. Die Toleranzgrenze der Bevölkerung war überschritten, als „Staatsbedienstete sich einfach an unseren Ersparnissen bedienten“ und es keinerlei Möglichkeiten gab, sich dagegen zu wehren. „Wir spürten, dass wir am großen Rad drehen müssen, dass wir die Revolution brauchen, wenn sich wirklich etwas verändern sollte“.

Doch es blieb nicht bei den friedlichen Versammlungen. Aus den anfangs kleinen Demonstrationen wurden Massenproteste, aus der Regimekritik wurde die Forderung, Assad zu stürzen. „Es war ein fließender Übergang von den Demonstrationen zum Bürgerkrieg“. Plötzlich fing die staatliche Armee an, auf die Demonstranten zu schießen. Es gab die ersten Toten. Später befanden sich Unbeteiligte, Menschen aus der Zivilbevölkerung unter den Opfern. „Die Armee fing an, wahllos in die Menschenmassen zu schießen, Frauen, Kinder, auf alle.“ Mosaabs Eltern beschließen, dass sie und ihre drei kleinen Söhne nicht mehr länger sicher in Aleppo sind und verlassen die Hauptstadt in Richtung Banias. Doch Mosaab will sich vom ausbrechenden Bürgerkrieg nicht einschüchtern lassen und sein Studium in Aleppo fortsetzen. „Am Anfang hatte ich keine Angst“, doch die Ausschreitungen wurden heftiger. „Sie fingen an, massenhaft Menschen festzunehmen und zu verschleppen.

Der kleinste Verdacht hat ausgereicht, um in ihr Visier zu geraten“. Die Zahl der Toten stieg täglich, genau wie die Frustration vieler Soldaten, auf ihre eigene Bevölkerung schießen zu müssen. Bis die ersten Soldaten begannen, die Armee zu verlassen und die Freie Syrische Armee zu bilden. Sie ließen staatliches Kriegsgerät und Waffen mitgehen. So formierte sich erstmals eine Bürgerarmee, die sich Assad militärisch entgegenstellen konnte. Fortan lieferten sich beide Seiten heftige Gefechte und dies war der Moment, in dem Mosaab realisierte: „Wir befinden uns im Krieg“. Doch es blieb nicht bei den militärischen Auseinandersetzungen zwischen der Freien Armee und den Regierungstruppen. Assad wollte an der Macht bleiben, mit allen Mitteln. Beim Versuch, die Kontrolle über verloren gegangene Gebiete zurückzugewinnen, werden Helikopter eingesetzt, die Fassbomben und Raketen auf die Städte abwerfen. „Wir haben es mit unseren eigenen Augen gesehen. Die Helikopter flogen in 7km Höhe. Sie haben die Bomben willkürlich abgeworfen. Sie wollten zerstören. Koste es was es wolle“. Seine Stimme beginnt zu zittern. 

„Sie haben meine Nachbarn getötet, unsere Häuser zerstört. Einfach alles“. Der Einsatz von Fassbomben wird international verachtet, da diese oft provisorisch gebauten Bomben nicht dafür geeignet sind, zielgenau eingesetzt zu werden. Dies spricht für Mosaabs Eindruck, dass „Assad wahllos getötet hat. Frauen und Kinder, Muslime und Christen“. Doch selbst als der Bürgerkrieg zum täglichen Leben wurde, verspürte Mosaab keine Angst. „Es ging nicht um meine persönliche Angst“, vielmehr verspürte er Wut. Wut auf den Rest der Welt, diesen blutrünstigen Diktator nach freiem Willen wüten zu lassen. Wut auf die Untätigkeit der internationalen Gemeinschaft. Und Wut auf diesen Machthaber, der ihm ein freies Leben verwehrt. Anfang 2014 betritt ISIS das Schlachtfeld. Bereits seit längerer Zeit wären Gerüchte umgegangen, dass ISIS in der Stadt wäre. Doch niemand hatte vorher je etwas von ihnen gehört, geschweige denn gesehen. Für Mosaab steht fest: „ISIS operiert in Assads Interesse. Sie bekämpfen seine Gegner, die Freie Armee. Besser hätte es für ihn nicht kommen können“. Die verbreitete Berichterstattung über die Gräueltaten und die Bedrohung von ISIS ringt ihm nur ein Kopfschütteln ab. „ISIS hat 10  Menschen am Tag hingerichtet. Assad 100. Wer ist als der größere Verbrecher?“

 

Aufbruch zu einer Reise ohne Ziel 

 
Als immer mehr Soldaten der staatlichen Armee den Rücken kehren und zur Freien Armee übergehen, verschärft Assad die Regeln. Er erlässt im Schnellverfahren ein Gesetz, dass das Leben von Mosaab und allen anderen Studenten im Land einschneidend beeinflussen sollte. Assad ordnet an, dass kein männlicher Student seinen Universitätsabschluss erhält, ohne sich anschließend für die syrische Armee zu verpflichten. Der Ausnahmezustand wird ausgerufen. Für Mosaab bricht eine Welt zusammen. „Ich hätte auf meine eigenen Leute schießen müssen“, bedeutete dieser Entschluss für ihn. Dieser Moment ist für Mosaab ein entscheidender Wendepunkt.
Er begibt sich auf die Reise in seinen Heimatort, um dort mit einem langen Gespräch und viel Überzeugungsarbeit seine Eltern von seinem Entschluss, sich auf die Flucht zu begeben, zu überzeugen. „Entgegen meinen Erwartungen haben mich meine Eltern sogar in meinem Vorhaben bestärkt“, und beschließen ihrem Sohn zu helfen, wo sie nur können. Den Erlös aus dem Verkauf des Familienautos geben sie Mosaab als Startkapital mit auf den Weg. „Ich bin ihnen noch immer unendlich dankbar, dass sie mir diese Reise ermöglicht haben“. Eine Reise ohne Ziel, eine Etappe ins Ungewisse bricht an. Die einzige Gewissheit, die es zu diesem Zeitpunkt gibt: Mosaab wird seine Familie, seine Verlobte, seine Freunde und sein gesamtes Leben hinter sich lassen. Er wird unfreiwillig zum Hauptdarsteller einer Geschichte, die er nie schreiben wollte. Deren folgende Seiten und Kapitel noch unbeschriftet sind. Doch er ist sich bewusst, dass es an ihm liegt, diese Geschichte positiv fortzuschreiben.
Wie beschwerlich diese Reise werden sollte, wird ihm bereits in Aleppo bewusst, als er den Grenzposten am Miltärcheckpoint 1.000$ Bestechungsgeld zahlt, um diesen passieren zu dürfen. „Als Palästinenser ist es illegal, die von der Regierung kontrollierten Gebiete zu verlassen“, weiß Mosaab. Nie zuvor hat er Syrien verlassen, und plötzlich befindet er sich allein und nur mit dem Nötigsten ausgestattet auf weitem, unbekannten Gebiet.

Dennoch bahnt er sich seinen Weg bis zur syrischen Grenze in die Türkei. Er setzt seinen Fußmarsch auf türkischem Boden bis nach Izmir fort, um dort einen der vielen Menschenschlepper zu treffen, die illegale Überfahrten nach Griechenland organisieren. Unzählige dieser Schlepper seien direkt im Stadtzentrum von Izmir anzutreffen, sprechen die bedürftig aussehenden Menschen offen an und verhandeln mit ihnen den Überfahrtspreis. Nachdem Mosaab einem der Schlepper 1.250$ in die Hand gedrückt hat, wird er in einen kleinen Autobus geführt, der ihn nach Anbruch der Dunkelheit mit 43 weiteren sich auf der Flucht befindenden Menschen an die Küste in der Nähe von Izmir bringt. „Es war komplett dunkel. Ich konnte nicht erkennen, was geschieht. Unter uns waren schwangere Frauen und kleine Kinder“. 

Am Strand angekommen, will er seinen Augen nicht trauen. Die Schlepper fordern sie auf, ein neun Meter langes Holzboot zu besteigen. „Ich konnte nicht glauben, dass wir mit diesem viel zu kleinen Boot 43 Menschen nach Griechenland über das offene Meer bringen können“. Die Stimmung sei angespannt gewesen. Hunger, Müdigkeit und Angst waren dennoch nicht so stark wie der Wille, die Überfahrt ins sichere Europa zu wagen. „Ich hatte keine Angst um mich, denn ich weiß, dass ich mich hätte retten können. Ich hatte Angst um die Frauen mit ihren Kindern.“ Sich auszumalen, dass er mit ansehen müsse, wie sie ertrinken und nichts dagegen ausrichten zu können, das sei seine größte Angst gewesen.

Die Überfahrt verlief zuerst reibungslos, aufgrund der Windstille kam es zu keinen größeren Komplikationen. Als die griechische Küste bereits in Sichtweite rückt, wendet sich das Blatt dramatisch. Hohe Wellen ziehen auf, das Boot beginnt zu sinken. „Wir haben unsere Schuhe ausgezogen, um das Wasser aus dem Boot zu bekommen“. Als das nicht reicht, springen Mosaab und die anderen Männer ins kalte Wasser, um das Boot zusätzlich von hinten anzuschieben. Für einen Moment war es ungewiss, ob das Boot jemals die griechische Küste erreichen würde. Doch die Anstrengungen sollten sich auszahlen, alle Beteiligten erreichen unbeschadet das griechische Festland. Fortan sind sie wieder auf sich allein gestellt, die Schlepper verschwinden. Wenige von ihnen haben Zugang zum griechischen Netz und stellen eine GPS-Verbindung her, die ihnen den Weg zur griechischen Insel Samos, einer 33.000 Einwohner umfassenden Gemeinde in der östlichen Ägäis, weist. Ihr achtstündiger Fußmarsch führt sie durch Gebirge und Wälder, noch immer getränkt in Salzwasser, das nach und nach beginnt, sich in ihre Haut zu fressen. In Samos angekommen, trennen sich die Wege der Gruppe, die in den letzten Stunden so sehr zusammengewachsen ist. „Wir waren Leidensgenossen, die zusammen durch die Hölle gegangen sind“.
„Ich dachte, es ist vorbei“

In Athen versucht Mosaab, zusätzliches Geld abzuheben, das seine Eltern ihm aus Syrien überwiesen haben. Doch die griechische Staatskrise sollte seinen Plan verhindern. „Die Geldautomaten waren leer, man sagte mir, ich würde mein Geld erst in einigen Wochen bekommen können“. Deshalb entschließt er, direkt weiter mit dem Zug nach Serbien zu reisen. Nach der Zugfahrt ist sein Budget aufgebraucht. Ausgehungert und ohne Schlaf, verbringt Mosaab drei Tage lang auf der Straße und ist auf die Almosen der serbischen Bürger angewiesen, bis er das für ihn zuständige Flüchtlingscamp erreicht. Obwohl er sich hier bereits auf sicherem europäischen Boden befindet, sollte ihm die schlimmste Erfahrung seiner Reise im serbischen Flüchtlingscamp wiederfahren.

Gemeinsam mit 3.000 weiteren Flüchtlingen wartet Mosaab auf den Zugang zu einem der bereitgestellten Busse, die sie weiter nach Ungarn bringen sollten. Der Zugang wird jedoch nur einzeln gewährt, sodass sich eine lange Warteschlange vor den Bussen bildet. Nach 4 Stunden Wartezeit ist es nun fast so weit. „Plötzlich kam eine Gruppe kurdischer Männer auf mich zu. Bevor ich reagieren konnte, zuckte einer der Männer ein Messer und presste es in meinen Nacken.“ Der Anführer der Gruppe forderte Mosaab auf, seinen Platz in der Warteschlange zu verlassen und ihnen zu überlassen. „Natürlich habe ich mich nicht gewehrt. Die hätten mich abgestochen“. Mosaab bekommt einen Schlag auf den Kopf und einige Tritte gegen den Körper mit. Er wendet sich an die serbische Polizei und schildert ihnen den Vorfall. Doch bekommt er schnell zu verstehen, dass die serbische Polizei wichtigere Dinge zu tun hat, als sich um die Sicherheit syrischer Flüchtlinge zu kümmern.

Stattdessen findet er Hilfe beim Roten Kreuz, die ihn medizinisch versorgen. Eine der freiwilligen Helferinnen bietet ihm sogar an, ihn persönlich an die serbische Grenze mit Ungarn zu fahren. „Ich werde nie vergessen, was diese Frau für mich getan hat“. Es folgt eine Zugfahrt nach Österreich, auf der er den ersten Schlaf seit drei Tagen findet.
Ein weiterer Tiefpunkt seiner Reise wiederfährt im auf seinem langen Fußmarsch auf der österreichischen Autobahn. Dieser Weg zum nächsten Flüchtlingslager fällt ihm besonders schwer- nicht aufgrund der unzähligen Kilometer, die er in den vergangenen Tagen zurückgelegt hat oder der aufgeplatzten Füße, die schmerzen; auch nicht aufgrund des leeren Magens, der ihn schon seit geraumer Zeit quält- an diese Strapazen hat er sich mittlerweile gewöhnt. Es war der Schmerz, das erste Mal beim Id-al-Adha, dem islamischen Opferfest, nicht bei seiner Familie sein zu können. Und nicht nur das- seit Tagen hatte Mosaab keine Gelegenheit, Kontakt zu seinen Eltern aufzunehmen. „Ich wollte ihnen einfach nur sagen, dass ich am Leben bin.“

Seine weitere Reise führte ihn nach Wien, Aachen und letztendlich nach Rotterdam, wo er seit einigen Wochen in einem Flüchtlingsheim untergekommen ist. „Mir geht es sehr gut hier. Es ist für alles gesorgt- wir haben genügend Decken, die Menschen bringen uns täglich Essen vorbei.“ Sogar erste Freundschaften hat Mosaab mit einigen Menschen aus der Nachbarschaft geschlossen. Mit seinen Englischkenntnissen fällt es ihm leicht, Anschluss zu finden. Doch in seinem Flüchtlingsheim seien auch viele traumatisierte Menschen, die mit niemandem über ihre Erlebnisse sprechen könnten. 

Die Grundeinstellung der niederländischen Menschen sei positiv gegenüber den Flüchtlingen, Mosaab verspürt eine tiefe Dankbarkeit für die gelungene Aufnahmekultur. „Ich verdanke diesen Menschen, dass ich noch am Leben bin“, aber „natürlich gibt es auch wenige, die uns hier nicht haben wollen“. Mosaab glaubt jedoch nicht, dass diese Menschen einen generellen Hass auf Flüchtlinge hegen, sondern vielmehr „enttäuscht sind von ihren eigenen Regierungen, die uns alle in eine solch angespannte Situation bringen“. 

Mosaab hat gleich in der ersten Woche begonnen, sich Niederländisch beizubringen und versucht, möglichst viele Kontakte zu den Einheimischen zu knüpfen. „Mein Traum ist es, mein Studium hier fortzusetzen und dann zurück nach Syrien zu gehen. Ich weiß, es ist gefährlich. Ich weiß aber auch, das mich mein Land braucht“.
Ich habe dieses Interview geführt, ohne zu wissen, was mich erwartet. Ich wollte mich auf eine Geschichte einlassen, für die ich höchsten Respekt empfinde. Als Mosaab mir seine Geschichte an diesem dunklen Novemberabend so erzählte, fühlte ich mich wie ein Flüchtling, für einen Moment.
 
 
 
 
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