Warum uns die Flüchtlingskrise wirklich spaltet

Die Quelle von Hass und Neid

 

„Ich glaube nicht, dass die Menschen uns Flüchtlinge wirklich hassen. Sie sind unzufrieden mit der momentanen Lage“. Dieser Satz von Mosaab, dem Flüchtlingsjungen, dessen Geschichte ich im Artikel „Flüchtling für einen Moment“ vor wenigen Wochen veröffentlicht habe, beschreibt die Hintergründe der aktuell angespannten Situation mit wenigen Worten. Der Rechtsruck, den die Gesellschaft momentan erfährt, die abscheulichen Meldungen über den Hass, den einige Flüchtlinge hier erfahren und die unbeholfenen Versuche der Politiker, die Lage irgendwie in den Griff zu bekommen sind nur die Symptome eines viel tiefer in der Gesellschaft verwurzelten Problems: Die eigentliche Ursache liegt in ihr selbst, in ihrer Festlegung auf ihren individualistischen Charakter, in ihrer Verdrängung der Gemeinschaft aus dem öffentlichen Raum und der uneingeschränkten Fokussierung auf den sich selbst verwirklichenden Menschen. Gesellschaft wird nicht aus der in ihr lebenden Menschen, sondern von den äußeren Verhältnissen geformt. Diese werden in der heutigen Zeit bestimmt durch den Kapitalismus, ein System, das von rationalen, individuellen Einzelkämpfern genauso lebt wie von der Ausbeutung des Schwächeren, um dem Stärkeren Reichtum zu bescheren. Ein System, das unsere Gesellschaft in den vergangenen Jahren maßgeblich geprägt hat.

 

Kapitalismus, die Herrschaft des Kapitals über Arbeit und Boden, hat 75% des Gesamtvermögens in Europa in den Besitz der reichsten 10% der Bevölkerung verteilt. Kapitalismus, das Streben nach unendlicher Kapitalvermehrung und Gewinnmaximierung, hat den Markt- und somit den Wettbewerb- als zentrales Verteilungsmedium festgelegt und als gesellschaftliche Norm etabliert. In der Gesellschaft haben „Leistungsprinzip“ und „Eigenverantwortung“ zu einer Ellenbogenmentalität nicht nur im Arbeitsalltag, sondern auch in den zwischenmenschlichen Beziehungen geführt; kurz: Der Kapitalismus ist nicht nur ein Wirtschafts- sondern auch ein Gesellschaftssystem. Doch im Angesicht der großen Anzahl der nach Europa drängenden Flüchtlinge werden diese über Jahrzehnte etablierten Verhaltensweisen auf den Kopf gestellt.

Humanitäre Hilfe von den vielen Freiwilligen in Deutschland

Eigentumswohnungen werden beschlagnahmt, um Notunterkünfte einzurichten. Freiwillige Helfer investieren ihre Zeit, um sich um die Flüchtlinge zu kümmern. Viele Menschen spenden Nahrung und Kleidung für die Geflüchteten- es entsteht eine Willkommenskultur, die nicht mit Geld oder Rendite vergütet wird, sondern mit Gemeinschaftsgefühl und Solidarität. Es erwächst im Innern unserer Gesellschaft eine Bewegung, deren Wertschöpfung nicht mit Geld gemessen werden kann. Es ist im Kleinen der Prototyp einer Gesellschaft, die auf gänzlich anderen Werten basiert als die vorherrschende: Auf Solidarität, statt auf Ausbeutung. Auf Kooperation, statt Wettbewerb. Und auf Gemeinschaft, statt auf Individuen. Lässt sich dieses Modell auch für die gesamte Gesellschaft denken? Ist es vielleicht gar an der Zeit, grundlegende Konventionen wie Privateigentum, lohnabhängige Beschäftigung und den fortwährenden Trend der Privatisierung von Produktion zu hinterfragen? Übervorteilt dieses System die Privilegierten und setzt Rahmenbedingungen, die den Großteil der Bevölkerung bewusst vom Aufbau von Vermögen ausschließt und so die Diskrepanz zwischen Arm und Reich weiter wachsen lässt?

Wenn man den Ausführungen von Thomas Piketty im Kapital des 21.Jahrhunderts Glauben schenkt, ist es genau diese soziale Ungleichheit, die den Kapitalismus in seinen Fragmenten innerlich aufzehrt. Bereits Karl Marx hat in seiner Abhandlung des Kapitals thematisiert, dass die Gesellschaft die Produktionsbedingungen des Kapitalismus als Naturgesetz hinnimmt und die Möglichkeit, dass andere Systeme möglich sind, nicht wahrnimmt. Als „Warenfetischismus“ bezeichnet er die naive Auffassung, dass alle produzierten Güter zwangsläufig zur Ware gemacht und mit einem Preis etikettiert werden.

 

An der Schnittstelle zur Utopie

 

Dieses verengte Blickfeld auf die gesellschaftlichen Verhältnisse wird durch die neoliberale Ideologie verstärkt- sie impliziert, dass jegliche Verteilungs- und Produktionsangelegenheiten auf rein „technischer“ Ebene zu betrachten sind und „Naturgesetzen“ folgen. Doch ein System, das durch individuelle Gier und Ehrgeiz motiviert ist, muss zwangsläufig zu einer Aufteilung der Gesellschaft in mindestens zwei Klassen führen: die der Ausgebeuteten, und die der Privilegierten.  Da dieses „liberale“ System auf dem Leistungsprinzip basiert und in der Theorie jedes Individuum mit seinen Entscheidungen sein eigenes Schicksal bestimmt, impliziert es den Verlierern dieser Gesellschaft ihr individuelles Versagen und lässt keinen Zweifel daran aufkommen, dass nicht dieses Gesellschaftssystem Verlierer und Gewinner produziert, sondern dies allein durch die handelnden Akteure selbst verursacht wird.
Durch diese verzehrte Wahrnehmung wird verschleiert, dass die Zwiespaltung der Gesellschaft –in die Klasse der Besitzenden und der Besitzlosen- eine Grundvoraussetzung für den Kapitalismus ist. Häufig wird von den Befürwortern dieses Systems argumentiert, dass die Haupterrungenschaft maximale individuelle Freiheit sei. In der Tat sind die Menschen der heutigen Zeit individuell frei- jedoch auch frei von jeglichen Produktionsmitteln, was im Umkehrschluss den Zwang mit sich bringt, die eigene Arbeitskraft zum Markte zu tragen, um sich ein Existenzrecht in dieser Gesellschaft zu erwirtschaften. Ist die heutige Gesellschaft also gar nicht so frei, wie sie von sich behauptet? Wie frei kann eine Gesellschaft sein, wenn sie diesen neoliberalen Schleier der gesellschaftlichen Naturgesetze abwirft?

 

Dieses Mär der individuellen Verantwortung für die eigene Situation kombiniert mit der theoretischen Legitimierung dieser Prozesse durch „Naturgesetze“ führt dazu, dass die erzeugte gesellschaftliche Ungleichheit toleriert und der Blick auf ein Zusammenleben jenseits des Individualismus verwehrt wird. Darüber hinaus führt die Tatsache, dass die überwältigende Mehrheit der Bevölkerung aus lohnabhängiger Beschäftigung ihren Lebensunterhalt bezieht dazu, dass den Betroffenen aufgrund von Zeitmangel jegliches Bewusstsein dafür fehlt, dass sich ihre Klasse in der Mehrheit und die der Privilegierten in der Minderheit befindet. Von diesem Standpunkt aus wären Utopien, die den status quo kritisch hinterfragen, mehrheitsfähig. So verheerend wie die aktuelle Flüchtlingskrise für die einzelnen Menschen sein mag- sie bietet das Potential für die Gesellschaft, ihre festgefahrenen Werte und Normen zu reflektieren und die grundlegenden Fragestellungen des Zusammenlebens neu auszuloten.

Es ist an der Zeit, in einem breiten Diskussionsforum neue Formen des Zusammenlebens als Alternativen zum Kapitalismus zu diskutieren, der uns in immer kürzeren Zeitabständen neue Argumente für den notwendigen Wandel liefert. Eine Utopie bleibt für die Ewigkeit nur eine Utopie, so lange eine Gesellschaft nicht den Mut zur Veränderung aufbringt und aus dem theoretischen Gedankenkonstrukt einen Prozess anstößt, der nach und nach aus der Utopie Realität werden lässt, denn: „Die Philosophen haben die Welt nur verschieden interpretiert, es kommt aber darauf an, sie zu verändern“ , wie Karl Marx in seinen Thesen über Feuerbach postuliert hat. Die Philosophie kann Utopien und Gedankenexperimente kreiren, die dem gesellschaftlichen status quo kritisch gegenüberstehen und neue Denkweisen eröffnen, die ein neues Ziel verfolgen: Weg von der Fixierung auf das Kapital und hin zu einer Gesellschaft, in der die Menschen wieder im Zentrum des Handelns stehen.

 

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Donald Trump: Wie Rhetorik Argumente schlägt

Sapere aude!

 

„Habe Mut, dich deines eigenen Verstandes zu bedienen!“ ist eine Aufforderung, die ins Mark geht. Sie klingt simpel, und kann doch alles in Frage stellen. Sie entfaltet erst nach dem zweiten oder dritten Mal lesen ihre volle Wirkung und Tragweite.
Weshalb sollte dieses alte Zitat von Immanuel Kant heute noch Bedeutung haben?
Die jüngste Erfahrung zeigt, dass  Selbstinszinierer großen Zuspruch erfahren, die scheinbar einfache Lösungen für komplexe Sachverhalte anbieten. Frei nach dem Motto: Je lauter und entschlossener gegen „die da oben“ gewettert wird, desto besser.

Zum anderen kristallisiert sich in der politischen Diskussion immer mehr die Bestrebung heraus, auf die Gefühlsebene zu wechseln. Zuschauer werden emotionalisiert, statt mit den besseren Sachargumenten überzeugt. Donald Trump hat diese Strategie in seinem aktuellen Wahlkampf perfektioniert. Die Terroranschläge von Paris instrumentalisiert er für seine politischen Absichten, die Waffengesetze in den USA zu lockern. Einer begeisterten Masse ruft er zu: „Niemand hatte Waffen, und sie (die Terroristen, Anm.d.Autors)  haben einfach einen nach dem anderen erschossen!“ Nach Trumps Logik wäre solch ein Anschlag in Amerika nicht denkbar gewesen, weil die Attentäter in sekundenschnelle niedergestreckt worden wären. Diese Art der Argumentation wird besonders häufig von Politikern genutzt: Es wird ein wahre Aussage getroffen (die Opfer trugen tatsächlich keine Waffen bei sich) und mit einem bildlichen Gleichnis verknüpft, das sich unausgesprochen in den Köpfen der Zuhörer bildet (Wenn die Opfer Waffen getragen hätten, wäre es nicht so weit gekommen).

Donald Trump bei einem Wahlkampfauftritt

Dieser rhetorische Kniff, den für sich allein stehend überflüssigen Satz „Niemand hatte Waffen“ der eigentlichen Aussage voranzustellen, erzeugt ganz automatisch ein Folgebild in den Köpfen der Zuhörer. Doch dieses Folgebild ist meistens irrational wie in unserem Fall, denn natürlich haben die Gäste aus der Konzerthalle auf dem Bataclan keine Waffen bei sich getragen, da das Mitführen von Waffen zu Konzerten glücklicherweise untersagt ist. Selbst Donald Trump wird wissen, dass sein vorangestellter Satz keinen Mehrwert liefert und einzig und allein dazu gedacht ist, die Denkweise der Zuhörer in eine ganz bestimmte Richtung zu lenken. Diese „rhetorische Finte“, die auffällig oft in Reden oder Fernsehansprachen von Politikern genutzt wird, funktioniert nur, wenn den Zuhörern nicht genügend Zeit gelassen wird, das Gesagte auf der Stelle zu verarbeiten und zu reflektieren.

Trump ist dies durchaus bewusst, denn er schiebt dem Gesagten direkt eine Forderung nach laxeren Waffengesetzen in den USA hinterher. Offenbar erreicht Trump mit dieser geschickten Beeinflussung sein Ziel: seine Zuhörer jubeln ihm zu. Es ist ihm gelungen, bei den Zuhörern das Bild „In Paris starben 132 Menschen, weil sie keine Waffen bei sich hatten, deshalb benötigen wir dringend laxere Waffengesetze in den USA“ zu etablieren. Dass die Anzahl von Todesopfern aufgrund von Schießereien vermutlich gar ansteigt, wenn mehr Waffen im Umlauf sind, scheint den Zuhörern samt Donald Trump nicht in den Sinn zu kommen. Bei ihnen hat sich das Gleichnis „In Paris gab es Tote, deshalb brauchen wir zum Schutz Waffen“ etabliert. Hat sich ein Gleichnis wie dieses erst einmal etabliert, ist es nur schwer möglich, dieses selbst mit den besseren Argumenten zu widerlegen.

Bedienen wir uns nun- wie von Immanuel Kant gefordert -unserem eigenen Verstand, so müssten wir schnell einsehen, dass diese Art von Inszenierung und Rhetorik ausschließlich darauf aus ist, gesellschaftliche Klischees zu erwecken und ein bestimmtes Meinungsbild zu etablieren.

Der Einsatz von Autoritäten

Man mag von Donald Trump halten was man möchte- als offizieller Bewerber für die Präsidentschaftskandidatur der Republikaner hat er als Redner gegenüber seiner Zuhörerschaft automatisch eine Autorität, die ihm eine gewisse Glaubwürdigkeit verschafft. Egal wie abstrakt oder verworren einige Äußerungen von Trump auch klingen mögen, aus einem rhetorischen Blickwinkel verschafft ihm allein die Tatsache, Präsidentschaftskandidat zu sein, die nötige Autorität, Gehör zu finden. Eine Autorität, die selbst die Frage nach seinen politischen Fähigkeiten oder  inhaltlicher Sachkenntnis in den Hintergrund stellt, die aufgrund seiner Vergangenheit als Immobilien-Mogul durchaus in Frage gestellt werden könnte. Trump ist bisher nicht auf der politischen Bühne in Erscheinung getreten, weshalb sollte er plötzlich die außerordentlichen Fähigkeiten besitzen, eine Weltmacht wie Amerika zu regieren? Doch bis vor Kurzem führte er noch die Umfragewerte der republikanischen Präsidentschaftsbewerber an.

Mit rationalen Überlegungen lässt sich nicht erklären, weshalb so viele US-Bürger ihm diese Aufgabe zutrauen. An dieser Stelle lohnt sich ein kleiner Ausflug in die Philosophie um zu verstehen, weshalb Entertainer wie Donald Trump trotz ihrem offenbaren Mangel an Sachkenntnis so viel Gehör in der Öffentlichkeit finden. Arthur Schopenhauer hat durchaus Recht, wenn er schreibt: „Jeder will lieber glauben als urteilen. Man hat also leichtes Spiel, wenn man eine Autorität hat, die der andere akzeptiert.“ Mit seiner Inszenierung als geschäftstüchtiger Milliardär hat sich Trump also eine Autorität geschaffen, die viele Menschen anerkennen und deshalb auch seiner Argumentation folgen. Die Argumente an sich müssen nicht mehr die schlagfertigsten sein, denn ist eine Autorität erst einmal etabliert, so glauben die Zuhörer das Gesagte lieber, als es selbst noch einmal zu reflektieren. Dies ist ein selbstverstärkender Prozess- Schopenhauer betont, dass eine Aussage, die als allgemein angenommen gilt, sehr schnell zur akzeptierten Wahrheit wird.

Dies bedeutet, je mehr Menschen den Ausführungen von Trump Recht geben (auch ohne selbst darüber nachgedacht zu haben), desto wahrscheinlicher wird es, dass auch andere Menschen diese Meinungen annehmen. Denn was viele für „bare Münze“ nehmen, wird schon seine Richtigkeit haben, schreibt Schopenhauer spöttisch. Was hier am Beispiel von Trump im Kleinen skizziert wird, lässt sich einfach auf viele öffentliche Meinungsbildungsprozesse anwenden. Die unterste aller Autoritäten, wenngleich sie auch die am Häufigsten angewendete ist, wird durch den Verweis auf die allgemeine Meinung vorgegeben: „Was vielen richtig scheint, sagen wir, ist wahr“ (Aristoteles, Nikomachische Ethik). Doch sollte der selbstdenkende Mensch vorsichtig sein, sobald er auf den Gebrauch von Autoritäten als Argument stößt, denn diese allein bieten noch keinen Hinweis darauf, ob die eigentliche Aussage wahr oder falsch ist. Zusammenfassend lässt sich mit Schopenhauer sagen: „Die allgemeine Meinung ist, im Ernst gesprochen, kein Beweis, ja nicht einmal ein Wahrscheinlichkeitsgrund ihrer Richtigkeit!“

Wie die Sicherheit unsere Freiheit verdrängt

Belgien schließt bis auf Weiteres seine Ubahnen, Frankreichs Präsident verhängt den Ausnahmezustand: Ein Abbild des sich wieder einmal anbahnenden Konflikts von Sicherheit und Freiheit-  ein Konflikt, der seit Jahrhunderten besteht. Sie können nicht wirklich mit, aber auch nicht ohne einander. Doch sind beide elementare Voraussetzungen und gleichzeitig die größten Herausforderungen unserer heutigen Zeit. Sie bedingen einander, denn das eine ist ohne das andere nicht zu haben: Keine freie Entfaltung ohne die Sicherheit, dass der Staat die eigenen Rechte sowie Meinungen abseits des Mainstreams schützt und so den rechtlichen Rahmen für das Zusammenleben in der Gesellschaft schafft. Der Staat garantiert, dass nicht das Recht des Stärkeren gilt, sondern vielmehr alle Individuen die gleichen Chancen und Möglichkeiten haben. Der Islamische Staat zwingt die an Freiheit gewöhnte westliche Gesellschaft,  ihre Grenzen von Freiheit und Überwachung neu auszuloten. Wie viel Freiheit sind wir bereit für die Bekämpfung des Terrors aufzugeben?

Ein fortwährender Konflikt

Wie viel Sicherheit wollen wir aufgeben?

Es gilt auch hier wieder der Grundsatz: So viel Macht für den Staat wie nötig, so wenig wie möglich. Eine gesunde Balance zwischen der Macht des Staates und der Freiheit des Einzelnen verhindert Willkür und fördert dessen Akzeptanz. Im Anblick der aktuellen Bedrohung durch islamistischen Terror stellt sich die Frage: Sollten unsere Sicherheitsbehörden tiefergreifende Befugnisse bekommen, und im Zweifelsfall die individuelle Freiheit weiter beschneiden dürfen?

Diese in der letzten Zeit häufig diskutierte Frage impliziert indirekt, dass die durchschlagende Kraft des Sicherheitsapparates ohne Zweifel anerkannt und ihm somit die Fähigkeit zugesprochen wird, bei ausreichender Ausstattung von Kompetenzen für die Sicherheit der Gesellschaft zu sorgen. Doch woher kommt diese Zuversicht, dieser Vertrauensvorschuss gegenüber den Sicherheitsbehörden? Entspringt er der gründlichen Überlegung oder nicht vielmehr aus der Angst und Verzweiflung, die der islamische Terror verbreitet ?
Immerhin steht ein über Jahrzehnte entstandendes Wertesystem auf dem Spiel, das nicht aufgrund von den aktuellen Ereignissen vorschnell aufgegeben werden sollte.
Einleuchtend erscheint es, die Befugnisse der Geheimdienste auszuweiten und ihnen alle  nötigen Mittel zur Bekämpfung des Terrorismus zur Verfügung zu stellen. Ein Verfassungsschützer ist überzeugt: “ Unsere Demokratie ist stark genug, dieses Spannungsverhältnis zwischen Freiheit und Sicherheit je nach Gefahrenlage auszutarieren.“ Diese Aussage übersieht jedoch, dass die Ausweitung der Kompetenzen von den Sicherheitsbehörden nicht ohne weiteres wieder beschränkt werden können.

Die Skepsis gegenüber mächtigen Geheimdiensten liegt in der Natur der Sache: es gibt weder eine transparente Arbeitsweise  noch effiziente Kontrollmechanismen, die die Arbeit überwachen könnten. Das deutsche Grundgesetz wurde so konzipiert, dass es eine wechselseitige Kontrolle der wichtigsten Organe gibt und das Prinzip der Gewaltenteilung gilt. So wird es den einzelnen staatlichen Akteuren unmöglich genügend Macht und Einfluss anzuhäufen, um die Geschicke der Gesellschaft im Alleingang zu lenken.

Nicht so bei den Sicherheitsbehörden, die im Schatten agieren: Der Deckmantel der öffentlichen Sicherheit rechtfertigt das Handeln abseits gesellschaftlicher Kontrolle. Auf der anderen Seite ermöglicht genau dieser Deckmantel jedoch erst ein effizientes Handeln der Behörden im Kampf gegen den Terror. Undenkbar wäre es, die Verfassungsschützer zur Preisgabe von Quellen oder der Herausgabe von vertraulichen Informationen zu verpflichten. Bleibt also einzig das Vertrauen in das verantwortungsvolle Handeln der Geheimdienste.

In Krisenzeiten bedarf es einer umso größeren Vorsicht wenn es darum geht, die Rechte und Befugnisse der Sicherheitsbehörden auszuweiten, da diese Entscheidungen nicht ohne Weiteres wieder rückgängig zu machen sind.

Wie frei wollen wir sein?

Oft wird an dem westlichen Modell der Demokratie  bemängelt, dass sie trotz all ihrer elementaren Errungeschaften für den Einzelnen eine große Schwäche aufweist: Die langsamen Entscheidungsprozesse und die eingeschränkte Handlungsfähigkeit in Notsituationen. Wochen oder gar Monate dauert es, bis Gesetze das Parlament passieren und in Kraft treten- unzählige Male verändert, verworfen und wieder eingebracht- Kritiker bezeichnen die Demokratie als „lahme Ente“. Es wird eine größere Flexibilität in Krisensituationen gefordert.

Wie diese Forderung konkret aussehen könnte, beweist der französische Präsident Francois Hollande. Durch Verhängung des Ausnahmezustands über Frankreich wird es dem Präsidenten unmittelbar möglich, die Landesgrenzen zu schließen, Versammlungsverbote zu erteilen oder Hausdurchsuchungen ohne richterlichen Beschluss durchführen zu lassen. Was auf den ersten Blick als notwendige und angebrachte Konsequenz aus den Anschlägen von Paris erscheint, wirft bei genauerem Hinschauen Fragen über die Verhältnismäßigkeit auf. Eine lange  im Vorfeld geplante Demonstration gegen den Klimagipfel wurde mit dem Verweis auf den Ausnahmezustand von den Behörden abgesagt.  Eine gute Gelegenheit eine unliebsame Demonstration unter dem Deckmantel des Ausnahmezustandes abzusagen oder eine gerechtfertigte Vorsichtsmaßnahme? An diesem Beispiel wird der Grundkonflikt ersichtlich, auf den die westliche Welt in absehbarer Zeit zusteuert: In welchem Maße sind wir bereit, auf unsere individuellen Rechte zu verzichten, um die öffentliche Sicherheit zu gewähren? Unklar ist überdies, inwiefern die Sicherheit überhaupt gewährleistet werden kann durch die Ausweitung der staatlichen Eingriffsmöglichkeiten. 100%ige Sicherheit wird es in Anbetracht der dschihadistischen Bedrohung niemals geben-  aus diesem Grund sollte mit bedachter Weitsicht entschieden werden, in welchem Ausmaß das freie Leben eingeschränkt werden sollte.

Auch die Schließung der französischen Außengrenzen vermag im ersten Moment keine weitreichenden Einschnitte für die europäische Bevölkerung mit sich bringen.  Man könnte argumentieren, das Ende vom Schengen-Abkommen hätte keine großen Auswirkungen, außer dass es Terroristen davon abhalte, nach Europa einzureisen. Es ist jedoch mehr. Ein Bruch mit der gemeinsamen europäischen Identität, eine sichtbare Rückkehr zu nationalen Wurzeln. Das Gefühl der Freiheit, als EU-Bürger in alle europäischen Staaten reisen zu können, ohne dabei kontrolliert zu werden, hat ein Zugehörigkeitsgefühl geschaffen. Ein Gefühl der Möglichkeiten, sich in Europa zu entfalten. Die Signalwirkung dieser Handlungen kann ein enormes Ausmaß annehmen. Wenn Grenzen der Freiheit gedacht werden, sind sie in Wahrheit bereits überschritten. Wie die Maus, die sich so lange in Freiheit wägt, bis sie das erste Mal an die Wand ihres Käfigs stößt. Fortan weiß sie, dass sie in Gefangenschaft lebt.  Auf lange Sicht wird es den Europäern in einem Europa mit geschlossenen Grenzen so ergehen, die sich plötzlich nicht mehr im freien Europa, sondern in ihren fast schon vergessen geglaubten Nationalstaaten wiederfinden.

Der gesamte Westen steht momentan am Scheideweg zwischen seiner lieb gewonnenen Freiheit und der womöglich erhöhten Sicherheitserfordernis. Gleichgültig welche zusätzlichen Maßnahmen und Rechte den Machthabenden und ihren Sicherheitsbehörden eingeräumt werden, es sollte jedes Mal der worst case mit in Erwägung gezogen werden. Angenommen, die Menschen entscheiden sich langfristig für das französische Modell und statten ihre Präsidenten mit so viel Macht aus, dass dieser im Zweifelsfall ohne sein Parlament Gesetze verabschieden kann. In Zeiten, in denen moderate Regierungen an der Macht sind, mag dies eine sinnvolle Ergänzung des bestehenden Systems sein und schnelle Handlungsfähigkeit in Ausnahmezuständen gewährleisten. Diese Sondergesetze würden jedoch auch für extreme Regierungen vom rechten oder linken Rand gelten. Die derzeitige Stimmung in Europa schließt keinesfalls aus, das bei den nächsten Wahlen in Frankreich eine Marie Le Pen in den Elyseepalast einzieht.

Auch in anderen europäischen Staaten herrscht ein Aufwind für rechte Parteien. Sind die Sondergesetze erst einmal in Kraft, gibt es keine Gewähr dafür, dass diese weiterhin mit Bedacht und der nötigen Verhältnismäßigkeit angewendet werden. Wie weit eine Marie Le Pen oder ein Björn Höcke der deutschen AFD beispielsweise ein Versammlungsverbot auslegen oder wofür sie die Erfassung von personenbezogenen Daten nutzen- nicht auszudenken, welche Dimensionen dies annehmen könnte. Genau aus diesem Grund hat sich die Demokratie bisher bewährt in allen ihren Krisenzeiten: Weil sie im Zweifelsfall stets die Freiheit des Einzelnen höher bewertet hat als die durchgreifenden Befugnisse des Staates.

Diese Gefahren und Auswirkungen sollten in der Diskussion durchaus bedacht werden. Wie schwer es ist, die richtige Balance zwischen Sicherheit und Freiheit auszutarieren, wusste bereits der Philosoph Thomas Hobbes im 17. Jahrhundert. Hobbes plädierte für einen allmächtigen Staat, der mit allen Mitteln die Sicherheit seiner Bevölkerung sichern konnte. Diese radikale Auffassung entstand im Zuge eines blutigen Bürgerkriegs- Parallelen in den Diskussionen zu den grausamen Attentaten von Paris sind unübersehbar. Die Antwort, wie viel Freiheit wir in Anbetracht der neuen Bedrohung aufgeben sollten, um weiterhin ein sicheres Leben führen zu können, liegt wie so oft in der Mitte zwischen den zwei Extremen: Das optimale Bild der Gesellschaft lässt sich weder schwarz noch weiß zeichnen. Im 21. Jahrhundert jedoch auch nicht grau- sondern bunt.  Dieses bunt erhalten wir uns nur, wenn die elegante Leichtigkeit der Freiheit beibehalten und ein gewisses Maß an Risiko in Zukunft akzeptiert wird.

Auge um Auge – Zahn um Zahn?

Laut sind die Rufe aus nahezu allen politischen Ecken nach „Vergeltung“, es ist die Rede von „Krieg“ und „Ausnahmezustand“. Die Menschen sehnen sich nach den Anschlägen von Paris nach Ordnung und Sicherheit- die Frage ist nun, welche Antwort wir als freie Gesellschaft dem brutalen Terror der Gotteskrieger entgegenzusetzen haben. Die herkömmlichen Mittel- diplomatisches Verhandlungsgeschick, Appelle an die Vernunft oder das Hoffen auf einen für alle Seiten befriedigenden Kompromiss- fallen als Handlungsoptionen aus. Wie soll die freie Gesellschaft nun auf die offenkundige Verwundung, auf die Erschütterung ihrer Grundwerte reagieren?

Zwischen Verzweiflung und Handlungsnot

Die „Stadt der Liebe“ befindet sich im Schockzustand

Naheliegend ist es, sich dem Tenor des Mainstreams anzuschließen und in die Rufe nach Vergeltung einzustimmen. Sich für den „Kampf gegen den Terror“ auszusprechen und unsere Freiheit mit allen nötigen Mitteln gegen die Feinde zu verteidigen. Viele bekannte Stimmen fordern, „die Mitte unserer Gesellschaft müsse sich radikalisieren“ um der zukünftigen Bedrohung entschlossen entgegenzutreten. Doch lassen wir diese Kriegsrhetorik für einen Moment wirken und überlegen mit klarem Kopf, wohin diese Forderungen führen werden und ob sie tatsächlich geeignet sind, den dschihadistischen Terror einzudämmen. Oder ob nicht vielmehr nur gegen die Symptome angekämpft und die Ursache außen vor gelassen wird.

Ein mögliches Szenario nach den Geschehnissen in Paris wäre, eine internationale Koalition aus Streitkräften zu bilden, die gezielte Vergeltungsschläge auf die Drahtzieher und die wichtigsten Denker des Islamischen Staates vorbereitet und durchführt. Mit Luftangriffen und Drohneneinsätzen werden Einrichtungen zerbombt, in denen man Ausbildungslager und Waffenbestände vermutet. Die Koalition begreift sich als Weltpolizei, als Bewahrer der Freiheit in den Krisengebieten. Dies genügt als Legitimation, Tötungen und Zerstörungen losgelöst von jeglichem internationalen Recht vorzunehmen. Selbst Staaten, die sich nicht aktiv an diesen Taten beteiligen, signalisieren durch ihre Duldung der Geschehnisse insgeheim ihre Zustimmung. Es kommt zu einer Spirale der Gewalt- der IS nimmt jeden einzelnen Einschlag einer Bombe oder Drohne auf fremdem Hoheitsgebiet als Argument, den „Heiligen Krieg“ in allen der an der Koalition beteiligten Länder auszurufen.
Im besten Fall gelingt es den internationalen Streitkräften, Einflusspersonen und radikale Denker des IS auszuschalten. Was bleibt sind leere Erfolgsmeldungen der Einsätze in den westlichen Medien. In den Krisengebieten bleibt vor allem eines: eine sich immer weiter radikalisierende Ideologie. Eine Ideologie kann nicht durch Waffengewalt oder militärische Einsätze besiegt werden. Eine Ideologie lebt selbst weiter, wenn ihre entscheidenden Denker und Prediger nicht mehr unter uns sind. Wie sind die lauten Rufe nach Vergeltung und dem „Kampf“ gegen den Heiligen Krieg also zu bewerten? Die verständliche Sehnsucht nach Sicherheit und Ordnung darf nicht in einer Vergeltungsschlacht enden, deren Ausgang völlig ungewiss ist. Es würden nur die Symptome, nicht aber die Ursachen der eigentlichen Gefahr bekämpft. Die Ursache ist eine lebensverneinende, menschenverachtende Ideologie, die langfristig nicht mit Waffengewalt bekämpft werden kann.

Die Ursachen bekämpfen-nicht die Symptome

 

Die ersten Erkenntnisse über die Lebensumstände und die Herkunft der Attentäter geben schon eher Aufschluss über eine Strategie, den Extremismus zu bekämpfen. Der französische Terrorist Ismael Omar Mostefai wurde in einem sozial schwachen Vorort von Paris geboren. Seine Lebensumstände zeichnen das Bild vieler junger Männer, die sich für den Heiligen Krieg radikalisieren lassen: Perspektivlosigkeit und das Gefühl, von der Gesellschaft abgehängt worden zu sein. Entwickelt sich diese Kombination von Emotionen über einen genügend langen Zeitraum, entsteht eine Ablehnung und im schlimmsten Fall ein Hass auf die eigene Gesellschaft, in der man selbst keinerlei Chancen oder Perspektiven geboten bekommt. Ähnlich wie Mostefai wird es tausenden anderen Islamisten aus Syrien, dem Irak oder Afghanistan gehen. Menschen, die in sogenannten „failed states“ aufwachsen, in einem gesellschaftlichen Chaos, das keinerlei Ordnung oder Sicherheit zu bieten hat. Und an diesem Punkt kommt der Glaube ins Spiel- das erste Gefühl von Zugehörigkeit, von Geborgenheit breitet sich aus. Die betroffenen Personen werden bereit, immer mehr für diese neue Gemeinschaft zu opfern. Die Konturen des neuen Weltbildes werden immer deutlicher: „Wir“ befinden uns im Kampf gegen „die“.

 

Welche Schlüsse ergeben sich nun aus dieser Betrachtung? Um die Gefahr im Kern zu ersticken, braucht es aktive Einmischung und Solidarität des Westens mit dem Ziel des Wiederaufbaus von funktionierenden Gesellschaften in den Krisengebieten. Diese „aktive Einmischung“ ist keineswegs von militärischer Natur- nein, vielmehr in der Form von Politikberatung und NGO´s, die gemeinsam mit der ansässigen Zivilbevölkerung wieder ein System aufbauen, das lebensfähig ist. Und vor allem ein System, das lebenswert ist. Nur so kann dem Islamischen Staat der Boden entzogen werden, immer neue Anhänger zu gewinnen, die de facto nur aufgrund von individueller Perspektivlosigkeit in die Arme dieser radikalen Fänger hineinlaufen. Vor dem Hintergrund, dass die westliche Gesellschaft mit den Militäreinsätzen in Afghanistan, im Irak und nun in Syrien ganze Bevölkerungen einfach im Chaos zurücklässt und bereits zurückgelassen hat, scheint die moralische Verantwortung, in dieser angespannten Situation nicht noch einmal dieselben Fehler zu begehen, umso höher. Bleibt zu hoffen, dass sich die Geschichte zumindest dieses Mal nicht wiederholen möge.

Flüchtling für einen Moment

Ich treffe Mosaab in einem kleinen Cafe in der Nähe von Rotterdam. Doch wie beginnt man ein Gespräch mit einem jungen Mann, der vor wenigen Tagen noch vor Krieg und Terror geflohen ist? Geboren und aufgewachsen in der syrischen Kleinstadt Banias, lebt Mosaab das Leben eines ganz normalen Jungen, der von seiner Familie eine behütete Kindheit geschenkt bekommt. Als Heranwachsender entscheidet er sich, gemeinsam mit seiner Familie in die Hauptstadt, nach Aleppo zu ziehen und dort sein Englischstudium zu beginnen. In Aleppo trifft er auch seine Verlobte, gemeinsam werden Pläne für die Zukunft geschmieden. Doch im Frühjahr 2011 sollte sich alles verändern. 

Beginn einer Revolution

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„Alles begann mit einer ganz normalen Bürgerdemonstration in Darayya“, erinnert sich Mosaab. Die Demonstrationen schwappen über auf andere Städte, plötzlich liegt ein revolutionärer Geist in der Luft und mobilisiert mehr und mehr Syrer, für ihre Bürgerrechte und für Demokratie auf die Straße zu gehen. „Ich fand die Idee einer Revolution, ausgehend von dem syrischen Volk, überaus spannend“, beschreibt Mosaab seine ersten Eindrücke der aufkeimenden Revolution. Präsident Assad habe die Bevölkerung jahrelang unterdrückt, ihnen keinerlei Mitbestimmungsrechte eingeräumt. „Wir haben nicht einmal daran gedacht, Assad öffentlich zu kritisieren. Alle waren korrupt“. Die weit verbreitete Ehrfurcht vor staatlicher Willkür hat die Menschen bis dato davon abgehalten, öffentliche Debatten über das gesellschaftliche Zusammenleben zu führen, oder gar Kritik am autoritären Führungsstil von Baschar Al-Assad vorzubringen. Doch mit zunehmender Kriminalität und Korruption, sowie dem allgemeinen Gefühl der Unsicherheit stieg die Bereitschaft, etwas verändern zu wollen. Die Toleranzgrenze der Bevölkerung war überschritten, als „Staatsbedienstete sich einfach an unseren Ersparnissen bedienten“ und es keinerlei Möglichkeiten gab, sich dagegen zu wehren. „Wir spürten, dass wir am großen Rad drehen müssen, dass wir die Revolution brauchen, wenn sich wirklich etwas verändern sollte“.

Doch es blieb nicht bei den friedlichen Versammlungen. Aus den anfangs kleinen Demonstrationen wurden Massenproteste, aus der Regimekritik wurde die Forderung, Assad zu stürzen. „Es war ein fließender Übergang von den Demonstrationen zum Bürgerkrieg“. Plötzlich fing die staatliche Armee an, auf die Demonstranten zu schießen. Es gab die ersten Toten. Später befanden sich Unbeteiligte, Menschen aus der Zivilbevölkerung unter den Opfern. „Die Armee fing an, wahllos in die Menschenmassen zu schießen, Frauen, Kinder, auf alle.“ Mosaabs Eltern beschließen, dass sie und ihre drei kleinen Söhne nicht mehr länger sicher in Aleppo sind und verlassen die Hauptstadt in Richtung Banias. Doch Mosaab will sich vom ausbrechenden Bürgerkrieg nicht einschüchtern lassen und sein Studium in Aleppo fortsetzen. „Am Anfang hatte ich keine Angst“, doch die Ausschreitungen wurden heftiger. „Sie fingen an, massenhaft Menschen festzunehmen und zu verschleppen.

Der kleinste Verdacht hat ausgereicht, um in ihr Visier zu geraten“. Die Zahl der Toten stieg täglich, genau wie die Frustration vieler Soldaten, auf ihre eigene Bevölkerung schießen zu müssen. Bis die ersten Soldaten begannen, die Armee zu verlassen und die Freie Syrische Armee zu bilden. Sie ließen staatliches Kriegsgerät und Waffen mitgehen. So formierte sich erstmals eine Bürgerarmee, die sich Assad militärisch entgegenstellen konnte. Fortan lieferten sich beide Seiten heftige Gefechte und dies war der Moment, in dem Mosaab realisierte: „Wir befinden uns im Krieg“. Doch es blieb nicht bei den militärischen Auseinandersetzungen zwischen der Freien Armee und den Regierungstruppen. Assad wollte an der Macht bleiben, mit allen Mitteln. Beim Versuch, die Kontrolle über verloren gegangene Gebiete zurückzugewinnen, werden Helikopter eingesetzt, die Fassbomben und Raketen auf die Städte abwerfen. „Wir haben es mit unseren eigenen Augen gesehen. Die Helikopter flogen in 7km Höhe. Sie haben die Bomben willkürlich abgeworfen. Sie wollten zerstören. Koste es was es wolle“. Seine Stimme beginnt zu zittern. 

„Sie haben meine Nachbarn getötet, unsere Häuser zerstört. Einfach alles“. Der Einsatz von Fassbomben wird international verachtet, da diese oft provisorisch gebauten Bomben nicht dafür geeignet sind, zielgenau eingesetzt zu werden. Dies spricht für Mosaabs Eindruck, dass „Assad wahllos getötet hat. Frauen und Kinder, Muslime und Christen“. Doch selbst als der Bürgerkrieg zum täglichen Leben wurde, verspürte Mosaab keine Angst. „Es ging nicht um meine persönliche Angst“, vielmehr verspürte er Wut. Wut auf den Rest der Welt, diesen blutrünstigen Diktator nach freiem Willen wüten zu lassen. Wut auf die Untätigkeit der internationalen Gemeinschaft. Und Wut auf diesen Machthaber, der ihm ein freies Leben verwehrt. Anfang 2014 betritt ISIS das Schlachtfeld. Bereits seit längerer Zeit wären Gerüchte umgegangen, dass ISIS in der Stadt wäre. Doch niemand hatte vorher je etwas von ihnen gehört, geschweige denn gesehen. Für Mosaab steht fest: „ISIS operiert in Assads Interesse. Sie bekämpfen seine Gegner, die Freie Armee. Besser hätte es für ihn nicht kommen können“. Die verbreitete Berichterstattung über die Gräueltaten und die Bedrohung von ISIS ringt ihm nur ein Kopfschütteln ab. „ISIS hat 10  Menschen am Tag hingerichtet. Assad 100. Wer ist als der größere Verbrecher?“

 

Aufbruch zu einer Reise ohne Ziel 

 
Als immer mehr Soldaten der staatlichen Armee den Rücken kehren und zur Freien Armee übergehen, verschärft Assad die Regeln. Er erlässt im Schnellverfahren ein Gesetz, dass das Leben von Mosaab und allen anderen Studenten im Land einschneidend beeinflussen sollte. Assad ordnet an, dass kein männlicher Student seinen Universitätsabschluss erhält, ohne sich anschließend für die syrische Armee zu verpflichten. Der Ausnahmezustand wird ausgerufen. Für Mosaab bricht eine Welt zusammen. „Ich hätte auf meine eigenen Leute schießen müssen“, bedeutete dieser Entschluss für ihn. Dieser Moment ist für Mosaab ein entscheidender Wendepunkt.
Er begibt sich auf die Reise in seinen Heimatort, um dort mit einem langen Gespräch und viel Überzeugungsarbeit seine Eltern von seinem Entschluss, sich auf die Flucht zu begeben, zu überzeugen. „Entgegen meinen Erwartungen haben mich meine Eltern sogar in meinem Vorhaben bestärkt“, und beschließen ihrem Sohn zu helfen, wo sie nur können. Den Erlös aus dem Verkauf des Familienautos geben sie Mosaab als Startkapital mit auf den Weg. „Ich bin ihnen noch immer unendlich dankbar, dass sie mir diese Reise ermöglicht haben“. Eine Reise ohne Ziel, eine Etappe ins Ungewisse bricht an. Die einzige Gewissheit, die es zu diesem Zeitpunkt gibt: Mosaab wird seine Familie, seine Verlobte, seine Freunde und sein gesamtes Leben hinter sich lassen. Er wird unfreiwillig zum Hauptdarsteller einer Geschichte, die er nie schreiben wollte. Deren folgende Seiten und Kapitel noch unbeschriftet sind. Doch er ist sich bewusst, dass es an ihm liegt, diese Geschichte positiv fortzuschreiben.
Wie beschwerlich diese Reise werden sollte, wird ihm bereits in Aleppo bewusst, als er den Grenzposten am Miltärcheckpoint 1.000$ Bestechungsgeld zahlt, um diesen passieren zu dürfen. „Als Palästinenser ist es illegal, die von der Regierung kontrollierten Gebiete zu verlassen“, weiß Mosaab. Nie zuvor hat er Syrien verlassen, und plötzlich befindet er sich allein und nur mit dem Nötigsten ausgestattet auf weitem, unbekannten Gebiet.

Dennoch bahnt er sich seinen Weg bis zur syrischen Grenze in die Türkei. Er setzt seinen Fußmarsch auf türkischem Boden bis nach Izmir fort, um dort einen der vielen Menschenschlepper zu treffen, die illegale Überfahrten nach Griechenland organisieren. Unzählige dieser Schlepper seien direkt im Stadtzentrum von Izmir anzutreffen, sprechen die bedürftig aussehenden Menschen offen an und verhandeln mit ihnen den Überfahrtspreis. Nachdem Mosaab einem der Schlepper 1.250$ in die Hand gedrückt hat, wird er in einen kleinen Autobus geführt, der ihn nach Anbruch der Dunkelheit mit 43 weiteren sich auf der Flucht befindenden Menschen an die Küste in der Nähe von Izmir bringt. „Es war komplett dunkel. Ich konnte nicht erkennen, was geschieht. Unter uns waren schwangere Frauen und kleine Kinder“. 

Am Strand angekommen, will er seinen Augen nicht trauen. Die Schlepper fordern sie auf, ein neun Meter langes Holzboot zu besteigen. „Ich konnte nicht glauben, dass wir mit diesem viel zu kleinen Boot 43 Menschen nach Griechenland über das offene Meer bringen können“. Die Stimmung sei angespannt gewesen. Hunger, Müdigkeit und Angst waren dennoch nicht so stark wie der Wille, die Überfahrt ins sichere Europa zu wagen. „Ich hatte keine Angst um mich, denn ich weiß, dass ich mich hätte retten können. Ich hatte Angst um die Frauen mit ihren Kindern.“ Sich auszumalen, dass er mit ansehen müsse, wie sie ertrinken und nichts dagegen ausrichten zu können, das sei seine größte Angst gewesen.

Die Überfahrt verlief zuerst reibungslos, aufgrund der Windstille kam es zu keinen größeren Komplikationen. Als die griechische Küste bereits in Sichtweite rückt, wendet sich das Blatt dramatisch. Hohe Wellen ziehen auf, das Boot beginnt zu sinken. „Wir haben unsere Schuhe ausgezogen, um das Wasser aus dem Boot zu bekommen“. Als das nicht reicht, springen Mosaab und die anderen Männer ins kalte Wasser, um das Boot zusätzlich von hinten anzuschieben. Für einen Moment war es ungewiss, ob das Boot jemals die griechische Küste erreichen würde. Doch die Anstrengungen sollten sich auszahlen, alle Beteiligten erreichen unbeschadet das griechische Festland. Fortan sind sie wieder auf sich allein gestellt, die Schlepper verschwinden. Wenige von ihnen haben Zugang zum griechischen Netz und stellen eine GPS-Verbindung her, die ihnen den Weg zur griechischen Insel Samos, einer 33.000 Einwohner umfassenden Gemeinde in der östlichen Ägäis, weist. Ihr achtstündiger Fußmarsch führt sie durch Gebirge und Wälder, noch immer getränkt in Salzwasser, das nach und nach beginnt, sich in ihre Haut zu fressen. In Samos angekommen, trennen sich die Wege der Gruppe, die in den letzten Stunden so sehr zusammengewachsen ist. „Wir waren Leidensgenossen, die zusammen durch die Hölle gegangen sind“.
„Ich dachte, es ist vorbei“

In Athen versucht Mosaab, zusätzliches Geld abzuheben, das seine Eltern ihm aus Syrien überwiesen haben. Doch die griechische Staatskrise sollte seinen Plan verhindern. „Die Geldautomaten waren leer, man sagte mir, ich würde mein Geld erst in einigen Wochen bekommen können“. Deshalb entschließt er, direkt weiter mit dem Zug nach Serbien zu reisen. Nach der Zugfahrt ist sein Budget aufgebraucht. Ausgehungert und ohne Schlaf, verbringt Mosaab drei Tage lang auf der Straße und ist auf die Almosen der serbischen Bürger angewiesen, bis er das für ihn zuständige Flüchtlingscamp erreicht. Obwohl er sich hier bereits auf sicherem europäischen Boden befindet, sollte ihm die schlimmste Erfahrung seiner Reise im serbischen Flüchtlingscamp wiederfahren.

Gemeinsam mit 3.000 weiteren Flüchtlingen wartet Mosaab auf den Zugang zu einem der bereitgestellten Busse, die sie weiter nach Ungarn bringen sollten. Der Zugang wird jedoch nur einzeln gewährt, sodass sich eine lange Warteschlange vor den Bussen bildet. Nach 4 Stunden Wartezeit ist es nun fast so weit. „Plötzlich kam eine Gruppe kurdischer Männer auf mich zu. Bevor ich reagieren konnte, zuckte einer der Männer ein Messer und presste es in meinen Nacken.“ Der Anführer der Gruppe forderte Mosaab auf, seinen Platz in der Warteschlange zu verlassen und ihnen zu überlassen. „Natürlich habe ich mich nicht gewehrt. Die hätten mich abgestochen“. Mosaab bekommt einen Schlag auf den Kopf und einige Tritte gegen den Körper mit. Er wendet sich an die serbische Polizei und schildert ihnen den Vorfall. Doch bekommt er schnell zu verstehen, dass die serbische Polizei wichtigere Dinge zu tun hat, als sich um die Sicherheit syrischer Flüchtlinge zu kümmern.

Stattdessen findet er Hilfe beim Roten Kreuz, die ihn medizinisch versorgen. Eine der freiwilligen Helferinnen bietet ihm sogar an, ihn persönlich an die serbische Grenze mit Ungarn zu fahren. „Ich werde nie vergessen, was diese Frau für mich getan hat“. Es folgt eine Zugfahrt nach Österreich, auf der er den ersten Schlaf seit drei Tagen findet.
Ein weiterer Tiefpunkt seiner Reise wiederfährt im auf seinem langen Fußmarsch auf der österreichischen Autobahn. Dieser Weg zum nächsten Flüchtlingslager fällt ihm besonders schwer- nicht aufgrund der unzähligen Kilometer, die er in den vergangenen Tagen zurückgelegt hat oder der aufgeplatzten Füße, die schmerzen; auch nicht aufgrund des leeren Magens, der ihn schon seit geraumer Zeit quält- an diese Strapazen hat er sich mittlerweile gewöhnt. Es war der Schmerz, das erste Mal beim Id-al-Adha, dem islamischen Opferfest, nicht bei seiner Familie sein zu können. Und nicht nur das- seit Tagen hatte Mosaab keine Gelegenheit, Kontakt zu seinen Eltern aufzunehmen. „Ich wollte ihnen einfach nur sagen, dass ich am Leben bin.“

Seine weitere Reise führte ihn nach Wien, Aachen und letztendlich nach Rotterdam, wo er seit einigen Wochen in einem Flüchtlingsheim untergekommen ist. „Mir geht es sehr gut hier. Es ist für alles gesorgt- wir haben genügend Decken, die Menschen bringen uns täglich Essen vorbei.“ Sogar erste Freundschaften hat Mosaab mit einigen Menschen aus der Nachbarschaft geschlossen. Mit seinen Englischkenntnissen fällt es ihm leicht, Anschluss zu finden. Doch in seinem Flüchtlingsheim seien auch viele traumatisierte Menschen, die mit niemandem über ihre Erlebnisse sprechen könnten. 

Die Grundeinstellung der niederländischen Menschen sei positiv gegenüber den Flüchtlingen, Mosaab verspürt eine tiefe Dankbarkeit für die gelungene Aufnahmekultur. „Ich verdanke diesen Menschen, dass ich noch am Leben bin“, aber „natürlich gibt es auch wenige, die uns hier nicht haben wollen“. Mosaab glaubt jedoch nicht, dass diese Menschen einen generellen Hass auf Flüchtlinge hegen, sondern vielmehr „enttäuscht sind von ihren eigenen Regierungen, die uns alle in eine solch angespannte Situation bringen“. 

Mosaab hat gleich in der ersten Woche begonnen, sich Niederländisch beizubringen und versucht, möglichst viele Kontakte zu den Einheimischen zu knüpfen. „Mein Traum ist es, mein Studium hier fortzusetzen und dann zurück nach Syrien zu gehen. Ich weiß, es ist gefährlich. Ich weiß aber auch, das mich mein Land braucht“.
Ich habe dieses Interview geführt, ohne zu wissen, was mich erwartet. Ich wollte mich auf eine Geschichte einlassen, für die ich höchsten Respekt empfinde. Als Mosaab mir seine Geschichte an diesem dunklen Novemberabend so erzählte, fühlte ich mich wie ein Flüchtling, für einen Moment.